Arctic Circle Trail_Teil 1_Inlandeis

Der Arctic Circle Trail - 11 Tage zu Fuß durch Grönlands Tundra

Teil 1: Das grönländische Inlandeis und der Russell Glacier

Vorwort

Die letzten Kilometer des Arctic Circle Trails liegen vor uns. In der Ferne lassen sich die ersten bunten Häuschen Sisimiuts ausmachen. Hundegebell und Motorengeräusche durchbrechen die Stille, die uns tagelang umgab. Gleich wird der schmale Pfad, der uns elf Tage und 180 Kilometer lang durch die grönländische Tundra führte, in eine staubige Straße übergehen. Der würzig-frische Duft nach Moosen, Kräutern und Pilzen weicht bereits dem Gestank der Zivilisation. Eine Mischung aus ungefilterten Abgasen und Frittierfett brennt in unseren Nasen, obwohl wir noch gute sechs Kilometer von der immerhin drittgrößten Stadt Grönlands entfernt sind. Auch die Dayhiker, die uns am Vorabend begegneten, rochen wir bereits, bevor wir sie sahen.

Die Gerüche von Deo, Shampoo und Seife erscheinen uns fremd, unnatürlich, hatten wir die letzten elf Tage doch nichts davon benutzt. Stinkt die Zivilisation – stinken wir normalerweise wirklich so penetrant? Plötzlich bin ich stolz auf meinen Hikerstink, meine ungewaschenen Haare und die bis zum Knie in Matsch getränkte Hose. Die zwei Ausflügler in teurer, makelloser Outdoorausrüstung würdigten uns keines Blickes. „Wenigstens einen Schokoriegel hätten sie uns mal anbieten können“, dachte ich, während ich in der Hosentasche nach dem letzten Traubenzucker kramte.

Ein letztes Mal versenken wir unsere Wanderschuhe bis zum Knöchel im Schlamm, hüpfen fröhlich von Grasbüschel zu Grasbüschel auf dem letzten sumpfigen Abschnitt des Weges. Eine leichte Melancholie erfasst mich. Noch vor fünf Tagen hätte ich alles für einen Shortcut nach Sisimiut und trockene Füße gegeben. Doch jetzt, wo es so weit ist, wünscht sich ein nicht allzu kleiner Teil von mir, einfach weitergehen zu können. Mit dem Trail wird auch die Unbeschwertheit enden. Außer Laufen, Essen und Schlafen gab es die letzten Tage nichts für uns. Keine Gedanken an Geld, Politik, das E-Mail-Postfach. Es ging nur um das Wesentliche. Für einen typischen Overthinker wie mich das reinste Paradies. Endlich lösten sich die tausend Knoten in meinem Kopf, die mich die letzten Monate zu Hause quälten. Endlich nichts denken. Einfach laufen.

Je näher wir Sisimiut kommen, umso schneller werde ich dann doch. Umso dringender will ich mir die stinkenden Kleider vom Leib reißen, die nassen, schweren Schuhe in die Ecke pfeffern, den Rucksack gleich mit und mir Fett und Dreck aus den müffelnden Haaren waschen. Will den Vorzügen der Zivilisation erliegen. Ich denke zurück an den Beginn des Trails. Noch nie hat mich etwas so viel Überwindung gekostet. Noch nie war es mir so schwergefallen, wie an diesen ersten Tagen einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich hatte nicht damit gerechnet, es zu schaffen. Die Nässe, die Kälte, der schwere Rucksack – nach den ersten drei Etappen schien ich am Ende. Hatte geheult wie ein Schlosshund, meinen Rucksack mit Tritten traktiert und ins Nichts gebrüllt. Alleine wäre ich nach Tag zwei umgekehrt. Doch das war ich nicht. Yannik machte mir Mut, tröstete mich, ertrug mich. Und dann war da noch die Natur. Diese unendliche, wilde Schöne. Es wurde einfacher. Ich wollte es schaffen. Irgendetwas klickte into place.

Ich sitze nun frisch geduscht in sauberen Klamotten im Hotelzimmer, starre auf meine angeschwollenen Achillessehnen und frage mich, was es ist. Was sich veränderte – und was davon bleiben wird.

Der Sugar Loaf vor Kangerlussuaq

Von Berlin nach Kangerlussuaq

Es war brutal. Vom lärmenden, heißen Berlin, den Kopf voller Sorgen und Abgase, nach Grönland. Wahrlich ans Ende der Welt. Ins Nichts. Von 35 Grad mal eben auf 5 Grad runtergekühlt. Mails, Social Media, Nachrichten können mir nichts mehr anhaben. Es gibt kein Netz. Nicht mal ein Buch habe ich dabei. Plötzlich zählt nur noch das Jetzt. Im Moment sein. Das wollen doch immer alle. Was zählt, sind die Schritte, die man bereit ist, am Tag zu gehen, das Essen, das man mit sich herumträgt, und der Platz, an dem man abends sein Zelt aufstellt. Die Natur soll zu Hause werden.

Aus dem Flugzeug stolpern und schnips – eine andere Person werden. Wenn es nur so einfach wäre. Man verzeihe mir bitte: Die Version von mir, der der schwere Rucksack nichts ausmacht, der es egal ist, drei Tage lang die gleiche Unterhose zu tragen, sich nicht zu waschen und einfach weiterläuft, wenn die Füße wehtun – die braucht noch eine Weile. Doch es bleibt keine Zeit. Mir kommt es vor, als hätte ich gerade erst die zerschlissene Bettdecke meines oberen Etagenbetts im Old Camp in Kangerlussuaq bezogen, da klingelt schon der Wecker. Anstehen für das einzige Klo der Baracke, in der gut 15 Personen untergebracht sind. Alle sind aus dem gleichen Grund hier. Alle wollen den Arctic Circle Trail laufen, allen würden wir unterwegs wieder begegnen.

Die Vorstellung vom letzten gemütlichen Frühstück im Warmen hat sich schnell erledigt, als ich in meiner Müslischale kleine Tierchen entdecke. Wir schultern unsere zwanzig Kilo schweren Rucksäcke und machen uns auf zum Flughafen von Kangerlussuaq. Der Begriff täuscht. Es gibt keine Sicherheitskontrollen, nur einen Flugsteig. Im Vergleich zum Ort ist der Flughafen groß. Alles trifft sich hier. Es stellt sich heraus, dass wir die ganztägige Tour zum grönländischen Eisschild, die wir als gemütlichen Einstieg geplant hatten, zusammen mit den deutschen Mädels unternehmen würden, die wir bereits im Flieger aus Kopenhagen kennengelernt hatten. Sie wollten sich nach der Tour noch nach Kellyville fahren lassen, dem offiziellen Start des ACT, während wir vom berühmten Russell Glacier aus starten wollten. Eine Entscheidung, die wir später bereuen würden.

Der Ort Kangerlussuaq besteht zum größten Teil nur aus Flughafen

Eine Welt aus Eis - Das grönländische Eisschild

Energisch zeigt uns Guide Klaus – eine wahre Legende hier in Kangerlussuaq –, wie man die Klettergurte und Steigeisen verschallt. Wir haben die ersten grau-weißen Ausläufer des grönländischen Eisschildes erreicht und bibbern im Nieselregen vor uns hin, bis auch das letzte Mitglied unserer kleinen Gruppe angeschirrt ist. Ehrfürchtig eilen wir hinter Klaus her. Nicht bummeln, nicht stehen bleiben. Ohne ihn sind wir hier verloren. Betont er immer wieder. Glaube ich ihm nur zu gern. Wohin ich auch blicke, nichts als Eis. Das Weiß des Himmels scheint am Horizont mit der Eisfläche zu verschmelzen.

Nach dem antarktischen Eisschild ist das grönländische Inlandeis die größte permanent vereiste Fläche der Welt und bedeckt etwa 82 % der Fläche des Landes. Doch der Klimawandel ist auch hier mehr als sichtbar. Klaus erklärt, dass sich in den letzten Jahren immer mehr, immer tiefere Gletscherspalten bildeten. Das zunehmende Aufbrechen des Eises beschleunige den Eisverlust. Er könne beobachten, wie sich das Eis an Point 660 immer weiter zurückziehe. Aktuelle Studien belegen seine Beobachtungen.* Wissenschaftler gehen davon aus, dass, wenn sich dieser Trend weiter fortsetze, der Meeresspiegel bis 2100 um gravierende 30 Zentimeter steigen würde.

Arctic Circle Trail_Tour Albatros Arctic Circle
Mit Albatros Arctic Circle Tours zum Inlandeis
Eisblaue Flüsse mäandern durch die Eislandschaft

Und doch kommen wir nicht umhin, die Schönheit dieser Eislandschaft zu bewundern. Mit unseren Steigeisen erklimmen wir steile Hügel, sehen hinab in eiskalte Seen, die in einem Blau leuchten, das nicht von dieser Welt scheint. Ein helles Türkis, zur Mitte hin immer dunkler werdend. Als verberge sich dort ein Tor in ein anderes Universum. Das Wasser aus den schmalen Flüssen, die wie einladende Wasserrutschen über die Eisfläche mäandern, ist das beste, das wir je gekostet haben. Von einer solch klaren Reinheit, dass es uns den Atem nimmt.

Schönheit täuscht. Die plätschernden Schmelzwasserflüsse werden schneller, werden breiter, bis sie sich in tiefe, alles verschlingende Löcher – sogenannte Moulins oder Gletschermühlen – stürzen. Unaufhaltsam. Wie ein schwarzes Loch geben sie nichts mehr frei, was sich ihnen einmal genähert hat. „Man weiß noch immer nicht genau, wo diese Moulins hier hinführen. Aber eines ist klar: Wer dort hineingerät, hat keine Chance.“

Klaus berichtet von einem Versuch, den er mit seinen Kollegen gewagt hat. „Wir haben ein Kanu in einen solchen Fluss gesetzt und mit langen Seilen sicher befestigt. Meine Kollegen haben im Boot versucht, es mit Eispickeln vor der Gletschermühle zum Stehen zu bringen. Sie haben es nicht geschafft. Strömung und Fließgeschwindigkeit sind zu stark. Ohne die Seile wären sie verloren gewesen.“ Jeder einzeln treten wir an das unschuldig wirkende, gar verführerisch schöne, hellblaue Loch heran und starren in die Unendlichkeit, während Klaus uns fest an den Klettergurten hält. Eine Welt aus Eis, die leblos scheint und doch ein Eigenleben führt.

Arcitc Circle Trail_gönländisches Inlandeis
Die Schmelzwasser-Seen gleichen Toren in andere Welten

Am Russell-Glacier

Klaus reicht uns zum Abschied die Hand, steigt zurück in den weinroten Touren-LKW. Mit lautem Motorenbrummen braust er auf der Schotterstraße davon, zurück in Richtung Kangerlussuaq, zurück in Richtung wärmender Zivilisation. Erst als das Fahrzeug um die nächste Biegung verschwunden ist, sich die Staubwolke verzogen hat, blicken wir uns an. Begreifen, dass wir allein sind. Im Nichts. Das Abenteuer Arctic Circle Trail hat nun begonnen. Die Stille dröhnt in unseren Ohren. Nichts ist zu hören, außer dem leisen Prasseln des feinen Regens auf die Vegetation und dem Rauschen des Gletscherflusses in der Ferne.

Wir verlassen die Straße und folgen dem Geräusch einen schmalen, ausgetretenen Pfad hinauf auf eine kleine Hügelkette, steigen auf der anderen Seite durch sumpfige Ebenen wieder hinunter und erstarren schließlich im Angesicht dessen, was sich vor uns auftut. Die 70 Meter hohe blau-graue Eiswand des Russell-Gletschers ist gezeichnet von tiefen Furchen und Spalten, riesige Eisbrocken haben sich gelöst, treiben im von Sedimenten milchig-grauen Gletschersee. Wir spüren die Kälte, die von diesem uralten Monstrum ausgeht.

Vor der 70 Meter hohen Eiswand des Russell Glaciers

Vorsichtig klettern wir über glatten Fels, der in harschem Kontrast zum Eis des Gletschers in allen Erdfarben zu leuchten scheint. Das Donnern eines gewaltigen, vom Gletscher gespeisten Wasserfalls ruft uns wie magisch heran. Die eiskalte Gischt benetzt unsere Haut. Wir stehen auf einem kleinen, schwarzen Strandabschnitt direkt am Gletscherfluss – wohlwissend, dass ein plötzliches Kalben des Gletschers unser Ende bedeuten würde. Das Wasser hat sich hier seinen Weg in das Eis gegraben. Eine Höhle in die Unterwelt, ein schwarzer Schlund im Weiß des Eises. Die Brutalität eines Gletschers kann sich nur mit seiner Schönheit messen, die, einmal vergangen, unwiederbringlich ist.

Wasserfall am Russell Glacier

TDE - Tod durch Eisbär

Noch immer stehen wir auf dem kleinen Strandabschnitt, taub vom Rasen des Wasserfalls, als mein Blick auf eine Spur im Sand fällt. Mehr als handtellergroß, einige Klauen sind erkennbar. Wortlos zeige ich darauf. Im vergangenen Monat waren Eisbär-Spuren hier am Russell-Gletscher gefunden worden, doch nicht das dazugehörige Tier. Etwas ängstlich blicken wir uns um und klettern zu unserem bereits völlig nassgeregneten Zelt zurück. „Also egal, ob das jetzt eine Eisbär-Spur ist oder nicht, ich werde hier sicherlich kein Auge zutun. Und auf TDE – Tod durch Eisbär – habe ich wirklich nicht so viel Lust.“ „Ja, mir ist auch nicht ganz wohl dabei. Lass uns abbauen und noch ein Stück weiter Richtung Kangerlussuaq laufen und an der Straße campen“, sagt Yannik zu meiner großen Erleichterung.

Es sollte sich herausstellen, dass es sich bei dem Abdruck nicht um eine Eisbär-Tatze gehandelt hatte, aber die Entscheidung war goldrichtig gewesen – nicht nur zu unserer Sicherheit, sondern auch zu der des vermeintlichen Bären. Denn sollte sich tatsächlich ein Eisbär in der Nähe des Dorfes zeigen, würde es seinen Tod bedeuten. Und dafür wollten wir nicht verantwortlich sein.

Das Zeltaufbauen dauert ungewöhnlich lange – wir waren völlig außer Übung –, doch wie immer hat es etwas Tröstliches, endlich die nassen Klamotten abzustreifen und ins warme Innere eines trockenen Schlafsacks zu kriechen, während feiner Regen unablässig auf die Zeltplane prasselt. Dass wir dabei mitten auf einer Aussichtsplattform für die Touren direkt am Rand der Schotterstraße zum Point 660 kampieren, stört uns kein bisschen. Im Gegenteil, es gibt uns für die erste Nacht in Grönlands Weiten eine willkommene Sicherheit.

Doch der Gedanke an die bevorstehenden elf Tage hier draußen, ohne Dach über dem Kopf, komplett angewiesen auf den Inhalt unserer Rucksäcke, lässt mich dennoch wachliegen. Morgen würden wir 20 Kilometer zurück nach Kangerlussuaq laufen, dort unseren eingelagerten Proviant abholen, irgendwo vor dem Ort das Zelt aufbauen und uns am nächsten Morgen nach Kellyville fahren lassen – dem offiziellen Starts des Arctic Circle Trails. Von hier aus liegen rund 180 Kilometer Fußweg vor uns. Nach Monaten der Planung und Vorbereitung würde es morgen endlich losgehen…

Arctic Circle Trail_Sugar Loaf Kangerlussuaq
Ausblick vom Sugar Loaf vor Kangerlussuaq auf das grönländische Inlandeis

Weitere spannende Trekking-Geschichten:

Trekking Mestia nach Ushguli im Kaukasus
Trekking von Mestia nach Ushguli! Unterwegs im Kaukasus
Trekking im Kaukasus: Von Mestia aus nehmen wir dich mit durch idyllische Täler, Gletscherflüsse und...
Weiter lesen
Hier Begann unser Trekking im Kaukasus: In Mestia
Trekking im Kaukasus: Mestia!
Trekking im Kaukasus: Auf nach Mestia! Hier nehmen wir dich mit ins Reich der Swanen - Zu schroffen Bergen...
Weiter lesen
Aussicht auf die julischen Alpen von der Hütte Prehodavcih aus, am Morgen nach dem Gewitter auf unserer Triglav Wanderung mit Hindernissen.
Reisebericht Slowenien-Triglav Wanderung
Saftig Wiesen, dunkle Wälder, wilde Berge - und ein schreckliches Gewitter. Das ist unsere Triglav Wanderung...
Weiter lesen

Und jetzt seid ihr dran! Erzählt uns von euren Erfahrungen oder stellt uns Fragen!

Schreibt es in die Kommentare oder schreibt uns auf Instagram.

Wir freuen uns auf euch!

 

Kostenlose Camping-Packliste als PDF erhalten

Trage hier deine E-Mail-Adresse ein und erhalte deine Camping-Packliste und unsere neusten Reisegeschichten, Reportagen & Reisetipps direkt in dein Postfach!

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

HAT DICH DAS REISEFIEBER GEPACKT?

TRAGE DICH EIN UND ERHALTE DIE NEUESTEN REISEGESCHICHTEN, REPORTAGEN & REISETIPPS DIREKT IN DEIN POSTFACH!

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen