Der Arctic Circle Trail - 11 Tage zu Fuß durch Grönlands Tundra
Teil 2: Ersehnte, verhasste Wildnis
Kellyville - Katifik - Kanu Center - Wildcamp ( ca. 54 Kilometer/ 3 Tage)
Vom Aufgeben und Weitermachen
Ich heule wie ein Schlosshund. Stolpere unbeholfen hinter Yannik her. Habe kein Auge für die Weite, die Wildnis. Und wenn doch, so macht sie mir Angst. „Ich kann nicht mehr!“, „Was mache ich hier?“, „Ich gehöre nicht hierher!“ – brabble ich in Dauerschleife vor mich hin, immer wieder unterbrochen durch heftiges Schluchzen. Vor mir bleibt Yannik schließlich stehen und lädt seinen Rucksack auf einem großen Stein ein paar Schritte neben dem Trail ab. „Komm, wir machen mal Pause.“ „Aber das geht doch nicht! Wir sind heute erst fünf Kilometer gelaufen!“, kreine ich. „Du brauchst aber eine.“, sagt Yannik und zieht mir den Rucksack vom Rücken. Nach fünf Kilometern auf der ersten offiziellen Etappe des ACT steht fest, wir haben das Ding unterschätzt. Wir hatten uns bereits verlaufen und mussten in Unterhose durch hüfthohes Wasser waten. Zu viel für den ersten Tag. Definitiv. „Wenn das so weitergeht, schaffe ich das nicht“, murmle ich an Yanniks Schulter und fange wieder an zu heulen.
Ich weine an diesem ersten Tag aus tausend Gründen. Ich weine vor Anstrengung, Überforderung, weil ich in Unterhose durch einen Sumpf waten musste, aber auch, weil ich überwältigt bin. Von Grönland. Seiner Schönheit, Reinheit, Unendlichkeit. Und vor Dankbarkeit. Hier sein dürfen. Diese Once-in-a-Lifetime-Erfahrung machen, egal wie schwer es gerade ist, wie unvorstellbar es scheint, noch weitere zehn Tage hier draußen zu verbringen. Ich denke auch an zu Hause, stelle mir meine Mama vor, wie sie über der Karte brütet und vermutet, wo wir gerade sind. An unsere kleine, aber feine Wohnung, an den sonst so verhassten Alltag. Langsam werde ich ruhiger. Yannik deutet nach oben. Die Sonne hat es geschafft, einige der tiefhängenden grauen Wolken beiseitezuschieben und zaubert nun ihr goldenes Muster auf die dunkelblaue Oberfläche des riesigen Sees vor uns. Zum ersten Mal kann ich die Landschaft bewundern: die sanfte Hügelkette, die am gegenüberliegenden Ufer den See umschmeichelt, das sich kräuselnde Wasser, die Grüntöne der Moose und Flechten. Kein einziger Baum erhebt sich in der weiten Landschaft. Tief inhalieren wir die frische Luft.
Bevor wir weiterlaufen – 17 Kilometer sind es noch bis zur Katiffik-Hütte – befüllen wir unsere Trinkflaschen. Zum ersten Mal trinken wir aus einem See. Durch die Wasseroberfläche erkennen wir selbst den kleinsten Kiesel am Grund Sees. Gierig schlucken wir die kalte Flüssigkeit. Ähnlich wie die Luft ist sie reiner als alles, was wir je gekostet haben.
Die nächsten Kilometer sind ein Wechselbad der Gefühle. Wunderschöne, einfache Etappen wechseln sich mit sumpfigen Abschnitten ab, bei denen wir mit jedem Schritt zehn Zentimeter im Morast versinken. Der Rücksack drückt unangenehm auf meinen Schulter, der Hüftgurt zwickt, Knie und Achillessehnen schmerzen. Mein Shirt klebt kalt am Körper. Noch immer sind es sieben Kilometer bis zur Hütte. Gerade als wir den Endspurt einläuten wollen und schwungvoll von einer Hügelkette hinunterschreiten, der nächste Schock: Zwei Seen sind durch den vielen Regen der letzten Tage über ihre Ufer getreten und zu einem geworden.
Gut zehn Meter hüfthohes Wasser liegen zwischen uns und dem anderen Ufer. Ich zetere und heule, doch es hilft nichts. Hose aus, Schuhe aus und hinein ins eiskalte Nass. „Wie tausend Nadelstiche“, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als ich mich auf das rettende Ufer fallen lasse. Diesmal weiß ich, warum mir die Tränen über die Wangen laufen. Während Yannik das kalte Wasser nichts anhaben kann, möchte ich schreien vor lauter Schmerz in meinen Fuß- und Schienbeinknochen. Tue ich dann auch. Ist eh keine Sau mehr unterwegs. Es ist acht Uhr abends. Seit zehn Stunden sind wir auf den Beinen. Zwei weitere Stunden Gewaltmarsch folgen, bis wir endlich die Hütte erreichen und mit letzter Kraft das Zelt errichten. Welch ein Auftakt.
Im Frühtau zu Berge
Pure Willenskraft lässt uns am nächsten Morgen gegen sieben Uhr aus den Schlafsäcken klettern. Mit angewidert verzogenem Gesicht steigen wir in die kalten, noch immer feuchten Hosen, Schuhe und Socken. Die heutige Etappe fällt uns zunächst um einiges leichter. Ich stimme sogar ein kleines Liedchen an: „Im Frühtau zu Berge wir ziehen, fallara!“, was Yannik dazu verleitet, noch schneller vorauszueilen. Verstehe ich gar nicht. Unsere fröhliche Seilschaft kommt zu jähem Halten, als gewaltige Felsbrocken unseren Weg versperren. Vermutlich sind sie durch einen Erdrutsch von der über uns liegenden Hügelkette bis ans Seeufer hinabgerutscht. Ein Pfädchen führt rechts durch das seichte Wasser des Sees, ein anderes nach links hinauf zu den Felsen. „Also ich gehe nicht durchs Wasser“, verkünde ich und starte eine heikle Kletterpartie über die Felsen.
Nach ungefähr zehn Kilometern kommt uns der erste Wanderer entgegen. Der typische Hiker-Smalltalk des ACT findet statt: Woher kommst du? Wie weit ist es noch bis zur nächsten Hütte? Ist die Strecke sehr nass? Der Däne erklärt, er sei die Südroute gegangen. Dort habe bereits Schnee gelegen. Nachdem wir uns verabschiedet haben, sehe ich Yannik skeptisch an. Auch wir haben eigentlich vor, die Südroute des Trails zu gehen, um den ATV-Track, der entlang der letzten Etappen des Trails verläuft, zu meiden. Wir hatten extra gelernt, mit Kompass und Karte zusätzlich zum GPS-Gerät zu navigieren, denn anders als auf der Nordroute gibt es dort nur wenige Markierungen und keinen erkennbaren Trail.
„Ganz ehrlich“, sage ich, während wir uns in der Mittagspause händeweise Nüsse in den Mund schaufeln, „ich glaube nicht, dass ich die Südroute schaffe. Da geht es nur über Tundraboden, es gibt keinen Trail und wir haben nicht viel Erfahrung mit Zelten im Schnee. Ich glaube nicht, dass ich die Kraft dazu habe.“ Wegen des Permafrosts können Regen- und Schmelzwasser hier nicht abfließen. Der weiche, mit Moosen, Flechten und niedrigen Sträuchern bewachsene, Tundraboden gleicht deshalb an vielen Stellen einem Sumpf, in den man mit jedem Schritt um einige Zentimeter einsinkt. Selbst der erfahrenste Thruhiker kommt hier nur mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 2 – 2,5 kmh voran.
Zu meinem großen Erstaunen gibt mir Yannik recht. „Dieser Trail soll ja Spaß machen, und wir wollen die Landschaft genießen. Ich glaube auch, dass die Südroute zu viel wird.“ Ein warmes Gefühl der Erleichterung macht sich in mir breit. Und wer hätte es gedacht: Wieder breche ich in Tränen aus. Aber diesmal sind es fröhliche. Yanniks Einlenken zeigt mir, wie sehr wir auf diesem Trail aufeinander angewiesen sind, wie sehr wir aufeinander achten können und wie nah wir uns sind – trotz so mancher aus der Erschöpfung geborener Wutanfälle. Ein schönes Gefühl.
Kulturschock in der Wildnis
Die letzten hundert Meter zum Kanucenter. 36 Mann (und Frau) finden in der rot gestrichenen Hütte am Seeufer Platz. Acht Zelte stehen bereits um das Holzhäuschen verteilt. Kulturschock. So viele Menschen auf einem Haufen hatten wir seit dem Verlassen des Flugzeuges nicht mehr gesehen. Apropos Flugzeug: Kaum haben wir unsere Rucksäcke im Gras abgeladen, kommen die fünf Freundinnen aus Deutschland auf uns zu. „Was macht ihr denn hier? Ihr seid doch zwei Tage vor uns los?“, fragen wir erstaunt. Es stellt sich heraus, dass wir die Einzigen sind, die die ersten beiden Etappen an einem Stück bewältigt haben. „Ach deswegen bin ich so am Arsch“, denke ich.
Die Mädels sind aufgelöst, sie wissen nicht, ob sie den Trail weitergehen sollen. Eine fußlahm, die andere erkältet, die Zeit wird knapp. Morgen müssen sie 22 km gehen. Während Yannik noch plaudert, mache ich mich daran, das Zelt aufzubauen, will nasse Schuhe und Hosen ausziehen, endlich etwas Warmes essen. Vorher zwinge ich mich noch zur Katzenwäsche im eiskalten See. Schnell Hose runter, T-Shirt aus, eine Handvoll Wasser zwischen die Beine, zwei unter die Arme, mehr ist nicht drin. Sorry Yannik. Bin eben Warmduscher. Ist genetisch. Mit Opa im Schwimmbad war ich auch immer nur im 38 Grad warmen Thermalwasser. Doch es geht auch anders: Ein älterer Mann in grellgrüner Klippenspringer-Badehose treibt entspannt bis zum Kinn im Eiswasser. Er scheint gar nicht mehr raus zu wollen. Dieser Mensch heißt Tim, ist 65 Jahre alt und ein ganz besonderer Zeitgenosse, den wir in den kommenden Tagen noch besser kennenlernen werden.
Später sitzen wir vorm Zelt und essen unsere Tomatensuppe mit Nudeln in der Form von Iron Man und Captain America – vielleicht hilft sie ja und verleiht uns Superkräfte –, als ein schwarzhaariger Mann mit Angel vorbeikommt. Yannik, wie immer interessiert, erkundigt sich nach seinem Fangglück. Nichts. Bisher. Und dafür schleppe er die Angel mit! Der schwarze Schnauzer des unglücklichen Anglers weckt unweigerlich Assoziationen mit Super Mario. Tatsächlich wird er sich zwei Tage später als Italiener namens Alfredo vorstellen.
Dieser Abend am Kanucenter markiert einen kleinen Wendepunkt unseres Arctic-Circle-Abenteuers. Es stellte sich heraus, dass wir statt Einsamkeit Gemeinschaft suchten. Zumindest fürs Erste. Geteiltes Leid ist eben doch halbes Leid.
Der Mensch - ein Herdentier
Für die kommende Etappe nehmen wir uns nur die Hälfte des Weges vor. Gemütliche elf Kilometer. Mit diesem Gedanken läuft es sich am nächsten Morgen gleich viel leichter. Ja, sogar das Furten und Überspringen von Flüssen macht auf einmal Spaß! Am frühen Nachmittag suchen wir dann an einem großen See unser erstes Wildcamp. Ganz alleine. Der auf der Karte eingezeichnete Zeltplatz erweist sich jedoch als verschissenes Jägercamp. Rentierkadaver inklusive. Ratlos und schon wieder ziemlich gereizt suchen wir weiter. Mittlerweile haben uns alle aus dem Kanu-Center überholt, wir sind allein auf weiter Flur. Schließlich entdecke ich ein ebenerdiges Plätzchen etwas oberhalb des Weges und schlage das Zelt auf, während Yannik unten am See Wasser holt.
Gerade will ich die Schlafsäcke ausrollen, als er sich äußerst angespannt auf einen Stein hockt. Ich sehe seine Kiefermuskulatur mahlen, die Stirn in tiefe Falten. „Is was?“ „Ja, also … ich fühle mich hier nicht wohl. Was, wenn das Rentier nicht erschossen wurde?“ „Du kommst doch jetzt nicht wieder mit dem Eisbären? Also ich habe diesmal keine Angst“, genervt unterbreche ich die Einrichtung unseres Lagers. „Ich weiß nicht. Mein Bauchgefühl sagt mir einfach, wir sollten hier nicht campen.“ „Aber du wolltest doch immer wildcampen. Nicht an den Hütten.“ „Lass uns doch die 1,5 Kilometer zurückgehen, da hat die italienische Reisegruppe ihre Zelte aufgestellt. Dort finden wir bestimmt noch ein Plätzchen“, schlägt Yannik tapfer, trotz meines bösen Blicks, vor.
Das Ende vom Lied: Ich packe das Zelt wieder ein, wir laufen zurück und gesellen uns zu fünf Italienerinnen und Italienern mit Guide, die wir bereits am ersten Abend im Old Camp kennengelernt hatten. Der Mensch ist ein Herdentier. Und: Bauchgefühl ist Trumpf.
The Trail provides
Beim Trekking oder Langstreckewandern geht es nicht um die körperliche Fitness sondern eher um das Mindset. Lese ich in der Vorbereitung immer. Wer mit schweren Muskeln bepackt ist, wird es auf dem Trail schwerer haben, sagen die Experten. Blöd für mich. Liegestütze, Burpees, Kurzstrecken-Sprint. Thats where I thrive. Anders als Yannik. Groß und schlank rennt er easy zwanzig Kilometer (untrainiert), während ich nach zehn völlig ausgelaugt auf dem Boden liege und Geräusche von mir gebe, die einer Dampflock nicht unähnlich sind. Dabei trainiere ich fünfmal die Woche. Auf dem Trail ist es nicht anders. Yannik locker flockig vorne weg, ich schnaufend hinter her. Jim Knopf und die kleine Dampflokomotive.
Schwäche zugeben. Erkennen, dass ich mich überschätzt habe. Hilfe annehmen, vertrauen und trotzdem weiter gehen. Erkennen, was ich mit purer Willenskraft erreichen kann. Das lehrten mich die ersten Etappen des ACT – ganz nach dem Motto „the Trail provides“ – gibt er mir das, was ich brauche, um weitermachen zu können.
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Hallo Caro, dein Bericht, wie immer fesselnd und spannend geschrieben. Ich hätte stundenlang weiterlesen können.
Hut ab vor so viel Mut und Willenskraft. Liebe Grüße Karin