Städtereise nach Budapest: Auf Sisi's Spuren durch die ungarische Hauptstadt
Kaiserin Elisabeth von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen – Sisi – hat mich schon immer fasziniert. Stolz und schön, eine hervorragende Reiterin, Dichterin, stark und zerbrechlich, selbstbestimmt und doch zutiefst unglücklich. Eine Frau mit vielen Abgründen. Eine Frau, die sich weigerte, nach fremden Regeln zu spielen. Die mit ihrer manischen Suche nach Freiheit sich und ihre Liebsten ins Unglück stürzte.
Mit Sicherheit war Elisabeth keine gute Kaiserin. Sie war Republikanerin. Eine Egomanin. Aber auch eine Amazone. Sie war ihrer Zeit voraus. Mythen ranken sich um ihre Person. Filme, Serien, Musicals, Bücher versuchen, sie zu greifen. Was sicher ist, ist ihre Liebe zu Ungarn. Auch diese entstand nicht ganz uneigennützig. Die Befreiung Ungarns, ihre Krönung als Königin, war ein weiterer Feldzug gegen ihre verhasste Schwiegermutter und deren konservative Entourage am Wiener Hof. Sisi befreite nicht nur Ungarn, sondern auch sich selbst. Sie lernte Ungarisch, scharte bevorzugt ungarische Hofdamen um sich und flüchtete sich immer häufiger nach Schloss Gödöllö unweit von Budapest. Sogar eine geheime Liebschaft mit dem schmucken ungarischen Grafen Andrássy wird ihr nachgesagt, bisher jedoch ohne Beweise.
Ich bin Historikerin und – ja, Sisi-Fan. Zwangsläufig musste es mich früher oder später auch nach Budapest ziehen. In den sieben Tagen, in denen wir durch die ungarische Hauptstadt streifen, bin ich dennoch überrascht, wie oft mir ihr Name begegnet, wie oft ihr melancholischer Blick uns von Denkmälern, Häuserfassaden oder Stickern an Straßenlaternen hinterherschaut.
Budapest ist ein wundervoller Ort, auch für jene, die nicht Sisi nachspüren wollen. Budapest ist laut und bunt, schön, aber eigen. Vielleicht eine Mischung aus dem glänzenden Prunk Wiens und dem abgelebten Charme Berlins? Budapest ist eine zünftige Feinschmeckerin, die weiß, wie man feiert. Budapest lebt noch, ist nicht nur hübsche Kulisse für Besucher. Buda-Pest ist geteilt durch die Donau. Diesen riesigen Fluss, der auf seinem Weg vom Schwarzwald ans Schwarze Meer zehn Länder durchquert. Heute ist Budapest auch kontrovers. Eine weitere europäische Hauptstadt auf dem Scheideweg zwischen Freiheit und einer repressiven Übermacht.
Genug der Vorrede. Gemeinsam flanieren wir nun eine Woche durch Ungarns Hauptstadt, wandeln auf Sisi’s Spuren, testen die besten Lángos, feiern in den Ruinenkneipen und entspannen im heißen Thermalwasser.
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Sieben Tage zu Fuß durch Budapest
Tag 1: Elisabethstadt und Altes jüdisches Viertel
Dieses ganz besondere Gefühl der Überforderung, der Aufregung, der Freude, welches man nur bei der Ankunft in einer unbekannten Stadt, einem unbekannten Land empfindet, wenn man die geruchlose Neutralität des Flughafens verlässt, erleichtert ist, den richtigen Bus gefunden zu haben, und in einer neuen Welt ausgespuckt wird. Touristen und Einheimische drängen an uns vorbei, es ist neun Uhr an einem Mittwochmorgen. Der Berufsverkehr brüllt uns entgegen, Polizeisirenen heulen. Es riecht nach Abgasen, von irgendwo weht Caféduft herüber. Ein typischer Morgen in einer Großstadt.
Die große Synagoge
Ohne Orientierung stolpern wir über die Károly ut hinein ins alte jüdische Viertel – die heutige Elisabethstadt. Da ist sie schon, die Sisi. Wir haben kein Ziel, lassen uns von morgenmüden Pendlern und aufgeregten Touristen durch die enger werdenden Straßen treiben. Altes Kopfsteinpflaster bahnt sich seinen Weg durch den Asphalt, die Straßen werden so eng, dass kaum zwei Autos aneinander vorbeipassen. Im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg – während der ungarischen Gründerzeit – entwickelte sich auch ein reges jüdisches Gemeindeleben. Die innere Elisabethstadt wurde zum jüdischen Viertel. Einen Einschnitt bedeutete die Zeit des Nationalsozialismus. Die Große Synagoge an der Dohány und Wesselényi ut markierte den Beginn des jüdischen Ghettos. Seit den späten 80er Jahren erlebt das jüdische Leben in der Elisabethstadt eine neue Blüte.
Staunend passieren wir koschere Cafés und Metzgereien mit hebräischen Schriftzügen. Restaurants werben mit israelischen Spezialitäten und Speisen von der Levante. Touristen und Ungarn teilen sich die schmalen Gehsteige mit nach jüdisch-orthodoxer Tradition gekleideten Männern. Über die Rumbach Sebestyén ut erreichen wir die Große Synagoge. Zwei mit Gold verzierte Zwiebeltürme krönen den prächtigen Bau. Filigrane Muster im maurisch-byzantinischen Stil zieren die Fassaden. Trotz der frühen Stunde tummeln sich bereits zahlreiche Touristen und Reisegruppen, ausgestattet mit Kameras und Sonnenschirmen, vor dem Bau. Die Stimmung um mich herum ist ausgelassen, die Sonne strahlt bereits vom blauen Himmel, doch ich fühle mich seltsam bedrückt. Ein hoher Zaun mit Stacheldraht und Kameras schützt das Gotteshaus. Polizisten, Security und Bodyscanner erwecken den Eindruck eines politischen Hochsicherheitstraktes. Eine kratzige Stimme plärrt auf Hebräisch aus Lautsprechern, Fotos der israelischen Geiseln hängen am Zaun, Spruchbanner auf Hebräisch. Mir ist das zu politisch-einseitig für ein Gotteshaus. Wir kaufen keine Eintrittskarte, verlassen den Trubel.
Wo Geschichte auf Moderne trifft
Über die Wesselényi ut schlendern wir weiter hinein ins jüdische Viertel. Die Auslagen und Speisekarten der zahlreichen Restaurant und Cafés lassen uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ohne Frühstück waren wir heute Morgen um vier zum Flughafen in Berlin aufgebrochen. Die ersten Restaurants öffnen bereits zum Mittagessen. Lange halten wir es nicht mehr aus und lassen uns schließlich in der Hummus Bar – eine Art koscheres, israelisches Schnellrestaurant – nieder. Wir bestellen eine Bowl mit Hummus, gegrilltem Gemüse, Falafel und Shakshuka. Es schmeckt vorzüglich!
Auf dem Weg zu unserem AirBnB in der Kiss József ut biegen wir immer wieder in enge Seitenstraßen ab. Eingereiht in die Häuserfassade der Rumbach-Straße erhebt sich die Rumbach-Synagoge. Schlichter in warmen Sandfarben gehalten als die Große Synagoge, ist sie heute auch ein Veranstaltungszentrum und enthält eine Ausstellung zum jüdischen Leben im 18. Jahrhundert. Viel interessanter finde ich allerdings das Porträt von Kaiserin Sisi, das in dezenten Brauntönen gehalten eine ganze Hausfassade neben dem Bluebird Café bedeckt. Es zeigt sie im Profil mit stolzem Blick im reich verzierten ungarischen Krönungskleid. Das Original wurde 1867 anlässlich ihrer Krönung zur Königin von Ungarn von György Raab angefertigt. Es ist unschwer zu erahnen, dass sich Elisabeth zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt ihrer Schönheit und Unabhängigkeit befand. Hatte sie doch gerade ihren vielleicht größten Trumpf über Schwiegermutter und den Wiener Hof erreicht – die Unabhängigkeit ihres geliebten Ungarns.
Das jüdische Viertel bei Nacht - von Langós und Ruinenkneipen
Was wir auf unserem Streifzug bereits erahnen konnten, bestätigt sich, als wir am späten Nachmittag erneut in die innere Elisabethstadt aufbrechen. Dort erblüht nicht nur die jüdische Gemeinde zu neuem Leben, sondern es entwickelte sich auch eine alternative Party- und Kneipenszene. Anfang des 21. Jahrhunderts entstanden in verlassenen Häusern und Hinterhöfen alternative Kneipen und Kulturprojekte, die heute bei Locals und Touristen gleichermaßen beliebt sind. Bevor wir uns ins Nightlife stürzen, sind wir auf der Suche nach einer ganz bestimmten ungarischen Spezialität – Lángos! In Fett gebackene Teigfladen mit herzhaftem Belag.
Wir entscheiden uns für Nagyi’s Lángos an der Wesselényi ut, gegenüber vom Kéthly Anna tér, einem kleinen begrünten Platz mit Sitzmöglichkeiten. Bei Nagyi’s Lángos wird alles frisch und von Hand zubereitet. Der winzige Laden ist eingerichtet wie Omas Küche. Getrocknete Peperonischoten und Knoblauch hängen von der Decke, weiß-rot karierte Tischdecken, bunt verzierte Teller an den Wänden und allerlei Nippes in jeder noch so kleinen Nische. Wir entscheiden uns für den Klassiker: Lángos mit Sour Cream, Knoblauch und geriebenem Käse. Der Duft von Knoblauch und Frittiertem steigt uns in die Nase. Wir können es kaum erwarten, in das heiße, knusprig-teigige Gebäck zu beißen. Wir lassen uns auf einer Parkbank nieder und für gute zwanzig Minuten sprechen wir kein Wort. Geben uns ganz dem Lángos in unseren Händen hin.
Nur ein paar Straßenecken vom Lángos-Himmel entfernt verschlägt es uns dann ins Szimpla Kert – die Mutter aller Ruinenkneipen. Sie befindet sich in der Kazinczy ut. Staunend betreten wir den verwinkelten Innenhof, der zwei verwahrlost wirkende Häuser miteinander verbindet. Graffiti in allen Farben ziert die Wände, buntes Diskolicht blinkt, Lichterketten leuchten, fröhliches Stimmengewirr, bekannte Pop- und Rockhits schwirren umher, Gläser klirren, der Geruch von Bier und tanzenden Leibern hängt in der Luft. Die Bar erstreckt sich über alle drei Stockwerke. In schummrigen Ecken knutschen Pärchen, Gruppen von Jugendlichen fläzen auf zerschlissenen Sofas. Im Wintergarten steht ein Wirrwarr aus abgenutzten Stühlen, Barhockern, Tischen, Kabeltrommeln und Europaletten. Nahezu alle Plätze sind belegt. In einem Nebenraum spielt eine Rockband. Wir holen uns ein ungarisches Bier und tauchen ein in diese Parallelwelt aus Farben, Musik und Sprache. Es ist einer dieser Orte, an dem wir alle mal wieder einfach Menschen sind. Das Außen existiert nicht. Einfach sein. Und feiern.
Tag 2: Von Tortenkunst, Brücken-Sightseeing & Prachtbauten
Wir sind Flusskinder – am Rhein aufgewachsen. Zwangsläufig zieht es uns am nächsten Morgen an die Donau. Doch nicht, bevor wir uns eine Melange und ein Stück Esterházy-Torte zum Frühstück gegönnt haben. Die Konditorei August Belváros liegt direkt an der Kossuth Lajos utca und ist mit ihren hohen Fenstern und glitzernden Kronleuchtern auf dem Weg in Richtung Fußgängerzone und Fluss eigentlich nicht zu verfehlen. Trotzdem geht es dort drinnen herrlich ruhig zu. Wir nehmen oben auf der Empore Platz – auf Augenhöhe mit dem gewaltigen Kronleuchter. Unten sitzt ein älterer Herr mit Hut und Gehstock am Fenster. Er liest Zeitung, schlürft einen Kaffee, schnackt auf Ungarisch mit der Bedienung. Ein paar Tische weiter nimmt eine ältere Dame in langem Rock und vornehmer Bluse Platz. Sie bestellt Kaffee und herzhaftes Gebäck. Alltagsszenen aus Budapest – während die Touristen im Café Central oder im Café New York Schlange stehen.
Wir genießen die Ruhe, das angenehm klimatisierte Innere des traditionsreichsten Cafés der Stadt. Lassen die Schichten der Esterházy-Torte langsam auf der Zunge zerschmelzen. Die Familie August betreibt die Konditorei bereits in der fünften Generation – seit 1870. Ob Sisi hier auch einst mit abgespreiztem kleinen Finger an ihrem Kaffee nippte? Trotz ihrer strengen Diät wird ihr ja eine Schwäche für süße Köstlichkeiten nachgesagt.
Wurstwaren und Paprika
Mit einem seligen Zuckerlächeln im Gesicht treten wir eine gute Stunde später hinaus in die staubige Frühjahrshitze der Stadt. Schwerfällig schlendern wir über die Váci utca – Budapests Fußgängerzone. Straßen wie diese finden sich in nahezu allen europäischen Hauptstädten. Fast Food wechselt sich mit Fast Fashion ab. Unser Ziel ist die zentrale Markthalle am südlichen Ende der Váci utca. Dort gibt es alles, was das Touristenherz nur wünschen kann. Unter dem Deckmantel der Authentizität werden Wurst- und Fleischwaren, Paprikagewürz und Kühlschrankmagnete in rauen Mengen angeboten. Ein besonders witziger Metzger hält mir einen gehäuteten Schafskopf inklusive Augen auf einem langen Stock entgegen. Erschrecken kann er damit nur die Städter, ich komme vom Land und weiß, woher unser Fleisch kommt. Trotzdem kaufen wir ihm eine große ungarische Paprikasalami ab – als Nachmittagssnack.
Drei Brücken
Von der Markthalle aus sind es nur wenige Schritte bis zur Donau. Wie ein silber-braunes Band fließt sie unter der wuchtigen, dunkelgrünen Freiheitsbrücke hindurch. Gelbe Straßenbahnen rattern über sie hinweg. Etwa vier Kilometer und vorbei an drei Brücken werden wir dem Fluss folgen bis zum Parlamentsgebäude. – Brücken-Sightseeing, wenn man so will. Nach der Freiheitsbrücke passieren wir die strahlend weiße, schlicht gehaltene Elisabethbrücke, die natürlich zu Ehren der Kaiserin erbaut wurde, jedoch im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Das moderne weiße Stahlkonstrukt von heute würde Sisi vermutlich nicht gefallen.
Schwitzend zwischen all den Reisenden die sich an diesem sonnigen Ostersamstag auf den Uferstraßen tummeln, bahnen wir uns unseren Weg immer auf der Pester Seite der Donau entlang. Vor lauter Reizen und Trubel, wissen wir gar nicht wohin schauen. Rechts von uns erheben sich reich verzierte ehemalige Stadtvillen, Hotels und andere repräsentative Gebäude, auf der anderen Uferseite thront der mächtige Budaer Burgberg gefolgt von dem in der Sonne strahlenden Burgviertel mit der prunkvollen Krönungskirche und den filigranen Türmchen der Fischerbastei. Über allem liegt das rauschen des Stadtverkehrs, das Tuten der Donaudampfer und das mehrsprachige Stimmengewirr tausender gut gelaunter Städtereisender.
Von der steinernen Kettenbrücke aus ist es nicht mehr weit bis zum Parlament. Sie ist das Wahrzeichen der Stadt und die erste Brücke, die Buda mit Pest verband. Zugegeben, als wir das wohl schönste Parlamentsgebäude der Welt erreichen, kann uns seine märchenhafte Fassade nicht von dem Unruhestifter dort drinnen ablenken und seine schiere Größe wirkt eher abschreckend als beeindruckend. In einer besseren Welt würden in so einem ästhetischen, palastartigen Bau Feen, Elfen und Einhörner das Land regieren oder zumindest eine schöne Prinzessin.
Auf Google Maps finden wir kurzer Hand einen kleinen Park nur ein paar hundert Meter weiter. Der „Olympia-Park“ ehrt die ungarischen Olympioniken, denn „eigene“ Spiele hatte Budapest bisher noch nicht. Auf gepflegtem Rasen lässt es sich wunderbar picknicken, Bäume spenden Schatten, Jogger drehen auf der kleinen Laufbahn ihre Runden – und es gibt auf dem kleinen Spielplatz kostenlose und saubere Toiletten! Wir knabbern an unserer Paprikasalami und stellen wieder einmal fest, dass Stadtwandern verflixt anstrengend ist. Mit dem Gefühl nichts mehr aufnehmen zu können und bleiernen Gliedern machen wir uns am frühen Abend schließlich zurück auf den Weg in Richtung Fußgängerzone. Zu allem Überfluss fängt es auch noch an zu regnen.
Gulaschsuppe und das schönste Opernhaus der Welt
Ein kühles Bier, ein dampfender Teller würziger Gulaschsuppe und ein überirdischer guter Windbeutel-Nachtisch lassen uns am Abend doch noch einmal Kraft schöpfen. Der Regen hat nachgelassen und wir treten hinaus in die nun vom warm-gelben Schein der Straßenlaternen erleuchteten Fußgängerstraßen rund um den Deak Ferenz ter. Das warme Licht spiegelt sich sanft auf den nassen Straßen. Unter Markisen der zahllosen Bars und Restaurants tummeln sich Locals und Touristen gleichermaßen. Das Klirren von Gläsern und Besteck, Stimmengewirr und fröhliches Gelächter erfüllt die noch immer laue Abendluft. Doch uns zieht die St. Stephans Basilika am Ende der Straße wie ein magischer gold-strahlender Magnet an. 96 Meter hoch thront ihre Kuppel über der Stadt.
Gleich hinter der Kircher beginnt die Andrassy ut – Ungarns Prachstraße. Dort lockt mich vor allem ein Gebäude: die ungarische Staatsoper. Sie gehört zu den schönsten Opernhäusern der Welt. Kaiser Franz Joseph soll nach seinem ersten Besuch so beleidigt über ihre Schönheit gewesen sein, dass er nie wieder vorbeikam. Sisi hingegen hatte ihre eigene Loge ganz vorne links. Da gerade Vorstellung war, konnten wir nur das Foyer betreten. Worte reichen kaum, um diese Pracht, diesen Tempel der Kunst zu beschreiben. Blank polierter Marmor, vergoldete Schmuckelemente und kristallene Lüster funkeln um die Wette – und das ist nur das Foyer. Dort werden Tickets gekauft und Schuhe abgetreten. Wie prachtvoll mag es erst im großen Saal aussehen?
Tag 3: Schlemmen im Stadtwäldchen & Sonnenuntergang auf dem Gellertberg
Im Stadtwäldchen ist an diesem Samstagmittag einiges los. Spielplätze, ein Outdoor-Fitnessstudio, eine Laufbahn, Picknicktische – ja, selbst einen Rummelplatz gibt es hier. Ganz Budapest scheint seinen freien Tag dort zu verbringen. Der Geräuschpegel ist uns eindeutig zu hoch – hatten wir doch nach Ruhe gesucht. Eher zufällig stoßen wir dann auf die in einem See erbaute Burg Vajadahunyad. Die Zugbrücke, über die sie mit dem Ufer verbunden ist, wirkt nahezu mittelalterlich. Ehrfürchtig treten wir durch den von Efeu umrankten Torbogen in den Innenhof, bilden uns ein, den Geruch der Geschichte zu atmen. Stattdessen werden wir von Glühweinständen und einer ganzen Theke voller ungarischer Köstlichkeiten erwartet: Kartoffelpuffer, Lángos, Gulasch, Schaschlik … die Wahl fällt schwer!
Auf dem Berg der Hexen
Es ist bereits Nachmittag als wir Freiheitsbrücke in Richtung Gellertberg überqueren. Obwohl die Sonne am blauen Himmel noch ihr bestes gibt, frösteln wir im Schatten des Berges und beginnen den Aufstieg über glitschig bemooste Stufen. Etwas Mystisches, Dunkles scheint diesem Dolomitfelsen innezuwohnen. Gellért – der Namensgeber des Berges – war Chefmissionar des ersten ungarischen Königs und wurde bei einem antichristlichen Aufstand vom Berg in die Donau gestürzt. Seine Statue wirkt eher bedrohlich als heilbringend.
Doch noch etwas anderes umwabert den Berg: Der deutsche Name des Berges lautete „Blocksberg“. Bei allen Bibi-Blocksberg-Fans sollte es jetzt klingeln. Der Blocksberg ist der geheime Hexenberg, auf dem die Althexen ihre Treffen und Rituale abhalten. Tatsächlich galt der Gellértberg im Mittelalter als berüchtigter Hexentreffpunkt. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden dort Hexenprozesse abgehalten. Später erbauten die Habsburger ihre Zitadelle auf dem 235 Meter hohen Gipfel.
Orientierungslos folgen wir engen Pfaden und Treppen durch den Wald. Die Besucherströme, die auf direktem Weg zur Zitadelle eilen, haben wir längst hinter uns gelassen. Wir erreichen den Gipfel auf der Rückseite – der von der Stadt abgewandten Seite des Berges. In den Philosophengarten verirren sich kaum Besucher. Stattdessen feiern unter einem herannahenden Gewitter Locals eine ausgelassene Techno-Party.
Rund um den Gipfel mit der Zitadelle bieten sich immer wieder verschiedene Perspektiven auf die Stadt. Den besten Ausblick hat man – finden wir – etwas unterhalb der Freiheitsstatue auf der Donau-Seite des Berges. Inzwischen beginnt es zu dämmern. Gewitterwolken, die sich am Nachmittag um Budapest herum auftürmten, malen dramatische Formen an den Himmel und tauchen, angestrahlt von der goldenen Abendsonne, die Stadt in sanftrosa Licht. Links erhebt sich der mächtige Burgberg mit all seinen Kuppeln, Türmchen und Spitzen, auf der Pester Seite funkelt das Parlament bereits golden, die Sankt-Stephans-Basilika reckt stolz ihre Kuppel in die Höhe, das reinweiße Gestänge der Elisabethbrücke erstrahlt nun in seiner ganzen Pracht über der sanft schimmernden Donau. Wir verharren reglos. Folgen dem Himmel bei seinem Farbenspiel, bis er die nun erleuchtete Stadt in tiefschwarzen Samt hüllt.
Tag 4: Der Glanz der Habsburger - Unterwegs im Burgviertel
Das Budaer Burgschloss
Heute wollen wir uns ganz dem alten Habsburger-Glanz hingeben und das Burgviertel erkunden. Die Frühlingssonne strahlt schon am frühen Morgen von einem wolkenlosen Himmel. Passend zum Thema des heutigen Tages beginnen wir ihn (schon wieder) mit einem fürstlichen Tortenfrühstück in der morgendlichen Entspanntheit des Café August. Voll wird es zum Ostersonntag in der Altstadt ohnehin. Die Flussdampfer auf der Donau parken bereits in zweiter und dritter Reihe, als wir schließlich die Kettenbrücke überqueren. Immer wieder gibt es Staus auf den engen Fußgängerwegen, denn es wird nach allen Seiten fotografiert. Auf der rechten Uferseite strahlt das Parlament, auf der linken glitzert die Krönungskirche in der Sonne.
Bevor wir in die hübschen Gassen des Burgviertels eintauchen, erklimmen wir den Burgberg. Wir kaufen keine Eintrittskarte, sondern erfreuen uns lieber an den hübschen Gärten und dem wunderbaren Ausblick über die Donau und das Pester Ufer. Auf dem repräsentativen Schlossgelände residiert auch der ungarische Staatspräsident – nach Tataren, Rennaissancefürsten und Habsburgern. Über den Paradeplatz verziehen wir uns daher lieber in die bürgerlichen Gefilde des Burgviertels. Die neu gepflasterten Straßen, die in Pastellfarben gestrichenen Häuser, die verschnörkelten dunkelgrünen Straßenlaternen – begrenzt durch die Lage auf einem Hügel und zur Donau hin durch die verspielte Fischerbastei – machen das Viertel ohne Zweifel zu einer der schönsten europäischen Altstädte, die wir bisher erkunden durften. Wie so oft sind es nur wenige Straßen und Plätze, an denen der Tourismus tobt. Entfernt man sich von Matthiaskirche und Fischerbastei, weicht ein bisschen von der Hauptstraße ab, findet man sich plötzlich zwischen Hunde ausführenden Locals und knutschenden Teenagern auf Parkbänken wieder.
Die Matthiaskirche - der Ort von Sisi's größtem Triumph
Natürlich müssen wir zuerst zur Matthiaskirche – dem Ort, an dem Sisi und Franz zu Königin und König von Ungarn gekrönt wurden, wo 1867 die berühmte Krönungsmesse von Franz Liszt erklang. Hinein kommen wir leider nicht mehr. Stattdessen hocken wir uns auf eine Mauer gegenüber der Kirche und können uns nicht sattsehen an dem strahlend weißen Gebäude mit den bunten Dachziegeln, die in der Sonne leuchten. Ich glaube, man könnte tagelang um dieses völlig freistehende Bauwerk herumlaufen und immer wieder neue Verzierungen, Figuren und Muster in der filigranen Fassade erkennen. Erst später lese ich, dass das Gotteshaus etwa vom 16. bis 18. Jahrhundert als Moschee dem osmanischen Sultan gewidmet war.
Strudel und Zwiebelkuchen
Der Hunger treibt uns schließlich in die Gassen des Burgviertels hinein. Wir bewegen uns abseits der größeren Straßen und entdecken in einer kleinen, unscheinbaren Gasse das Budavári rétesvár. Eine kleine, überhitzte Bäckerei im Erdgeschoss eines Wohnhauses, in der zwei junge Frauen Strudel mit allerlei Füllungen, Kaffee und Zwiebelkuchen verkaufen. Genau das Richtige! Wir probieren die süße Köstlichkeit mit Apfel, Kirschen und Mohn – und zum Nachtisch gibt’s Zwiebelkuchen.
Zurück auf der Országház ut durchqueren wir die Altstadt, bis wir schließlich vor der schmalen Stadtmauer stehen und über die Wohnbezirke Budas und hinauf in die Budaer Berge blicken können. Hier hinten sind wir die einzigen Touristen. Männer in Anzügen gehen telefonierend spazieren, ein altes Ehepaar liest auf einer Bank gemeinsam in der Zeitung, eine Frau führt ihren Hund spazieren. Wir laufen weiter entlang der Stadtmauer. Die Stadtviertel unterhalb des Burgbergs stehen in krassem Kontrast zu dem, was wir bisher von Budapest gesehen haben. Heruntergekommene Wohnblöcke, Leuchtreklamen, an denen Buchstaben fehlen.
Im Schatten der Mandelbäume
Die knapp 45 Jahre als sowjetischer Satellitenstaat waren nicht spurlos an dem Land vorübergegangen. Hier oben jedoch, umgeben von der sicheren Stadtmauer, Pomp und Gloria, blühen Kirsch- und Mandelbäume. Der Spazierweg entlang der Stadtmauer gleicht einem Teppich aus rosa Blütenblättern. Die Pracht im strahlenden Sonnenschein zaubert allen Spaziergängern ein Lächeln ins Gesicht. Es wird miteinander gelacht, und natürlich fotografieren sich alle gegenseitig – ein Traum in Rosa. Wir verweilen dort so lange, bis es schließlich Zeit wird, sich einen Platz auf der Fischerbastei für den Sonnenuntergang zu sichern – was wirklich kein einfaches Unterfangen ist.
Die Fischerbastei erfüllt keine andere Aufgabe, als schön zu sein. Das Bauwerk wurde 1897 mit der umfassenden Renovierung der Matthiaskirche gleich mit in Auftrag gegeben. Wenn schon, denn schon. Trotz der Menschenscharen, die sich zur Abenddämmerung dort tummeln und jede noch so kleine Nische belegen, in der sich ihnen ein Blick über die Donau auf das Parlament bietet, mutet das weiße Bauwerk mit den sieben Türmchen – die für die sieben Magyarenstämme stehen, die einst das Karpatenbecken eroberten – geradezu romantisch an. Die letzten Sonnenstrahlen lassen das weiße Gestein in einem sanften Orange aufleuchten, bevor sich die Nacht über die nun in warmem Gold erleuchtete Donaustadt legt. Wie bereits am Vortag auf dem Gellértberg bleiben wir bis lange nach Einbruch der Dunkelheit, bis uns der Hunger zurück über die Kettenbrücke nach Pest treibt.
Tag 5: Mit der Zahnradbahn in die Budaer Berge
Knatternd und ruckelnd setzt sich die rot-weiße Zahnradbahn in Bewegung. Seit 1874 bewältigt das gute Stück bereits den steilen Anstieg von der Talstation Városmajor hinauf zum 482 Meter hohen Széchenyi-Berg. Nach dem Trubel des Burgviertels zieht es uns heute hinaus aus der Stadt ins Grüne – in die Budaer Berge. Heute, zum Ostermontag, sind wir mit dieser Idee nicht allein. Viele Budapester tummeln sich dort zum Picknicken, Wandern oder Mountainbikefahren – es herrscht Ferienstimmung.
Wie die Locals fläzen wir uns auf das bereits von der Sonne erwärmte Gras. Blicken von den saftig grünen Hügeln hinunter auf die geschäftige Stadt. Erst von hier oben werden uns die gewaltigen Dimensionen des Parlaments so richtig bewusst. Über sandige Waldwege laufen wir nach einer Weile weiter hinauf auf den 527 Meter hohen Johannesberg. Auf Budapests höchstem Berg wurde 1910 zu Ehren von Kaiserin Sisi der Elisabeth-Turm erbaut. Eine Gedenktafel für Erzsébet ziert den Sockel des steinernen Aussichtsturms. Oben schweift unser Blick nicht nur in Richtung Stadt, sondern auch in die entgegengesetzte Richtung über Berge und tiefgrüne Wälder. Wir fragen uns, wie das Ungarn, das sich dort verbirgt, wohl sein mag.
Tag 6: Ein Tag im Badepalast: Das Széchenyi-Heilbad
Der letzte volle Tag in Budapest. Seit fünf Tagen knacken wir die 40.000-Schritte-Marke auf unseren Schrittzählern. Wir finden, dass wir uns ein bisschen Wellness verdient haben, und beschließen, den ganzen Tag in dem palastartigen Széchenyi-Heilbad zu verbringen. Eine Tageskarte am Wochenende kostet ohne zusätzliches Wellnessprogramm ca. 40 Euro, werktags ist es etwas billiger. Alle Menschen mit langen Haaren sollten unbedingt an einen Haargummi denken – offene Haare sind nicht erlaubt, und die Bademeister sind sehr eifrig beim Ermahnen.
Das Schwimmbad gleicht einem Palais in Buttergelb. Aus 18 Becken steigen Dampfschwaden empor – die Wassertemperaturen bewegen sich zwischen 30 und 40 Grad. Mal riecht es schweflig, mal salzig. Die Bäder werden aus 1.250 Metern Tiefe mit 77 Grad heißem Thermalwasser versorgt. Es ist die reinste Entspannung.
Der Außenbereich setzt dem Ganzen die Krone auf: Unter einem hellblauen Himmel, bei einer angenehm kühlen Frühlingsbrise, genießen wir im 35 Grad warmen Wasser die Sonnenstrahlen auf der Haut, während um uns herum die Jugendstilfassaden in hellem Gelb erstrahlen. Die geschäftige Hauptstadt verschwindet – weicht ganz der wärmenden Langsamkeit des Heilbades. Mehr muss an dieser Stelle nicht gesagt werden. Einen besseren Abschluss für diesen Städtetrip kann es nicht geben.
Moment, vielleicht doch – denn am Abend treibt uns der Hunger zu Retro Lángos. Das ist mit Sicherheit kein Geheimtipp – der Laden verkauft sogar eigenes Merchandise –, aber die Lángos sind absolut köstlich. So köstlich, dass wir, ausgelaugt von einem anstrengenden Tag im warmen Wasser, gleich zweimal bestellen!
Tag 7: Die grüne Lunge Budapests und ein letztes Langos
Unser Rückflug nach Berlin geht erst am Abend, sodass wir den Tag nutzen, um die grüne Lunge Budapests – die Margareteninsel – zu besuchen. Mit der Tram fahren wir bis zur Margaretenbrücke. Bestaunen ein weiteres Mal Burgberg, Parlament und Co. und schlendern dann gemütlich durch die weitläufigen Parkanlagen der Insel. Hier geht man spazieren, joggt oder picknickt. Es gibt einen Aussichtsturm, einen Streichelzoo und natürlich allerlei zu essen. Stadtparks kennen wir zur Genüge aus Berlin, weshalb wir uns im Biergarten des Island Hostel lieber noch ein frisches Lángos schmecken lassen. Es ist schwer zu sagen, welcher Lángos-Laden unsere Nummer eins wird – ich würde sagen, Nagyi’s Lángos und Retro Lángos teilen sich den ersten Platz.
Budapest hat uns sieben Tage lang gefordert und getrieben – sie ist trotz aller Geschichte, trotz aller Schönheit eine europäische Metropole. Aber sie hat uns reich beschenkt. Mit kulinarischen Köstlichkeiten, wundervollen Sonnenuntergängen und Momenten, in denen wir staunen, beobachten, verarbeiten, innehalten konnten. Es gibt Städte, in denen reicht ein Wochenende, in denen möchte man nicht länger als ein paar Tage zubringen. Budapest jedoch lädt ein, länger zu verweilen, die üblichen Pfade zu verlassen, in den Alltag einzutauchen.
Auch wenn Kaiserin Sisi sicherlich eigennützigere, andere Motive hatte, meinen wir, nach unserem Besuch zu verstehen, weshalb das Herz der Amazone vor allem für Ungarn schlug. Unser nächster Besuch dort wird uns mit Sicherheit auch nach Gödöllő führen, Elisabeth’s geliebtem Schloss und in die Puszta, wo die Kaiserin einst die für ihre Reitkunst bekannten Csikòs mit ihren Nonius-Pferden bewunderte.
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