West-Grönland zu Fuß und auf hoher See:
Von Sisimiut nach Ilulissat
Von Seekrankheit, Eisbergen und alten Bekannten
Mir ist hundsmiserabel. Fühle mich wie ein Schluck Wasser in der Kurve, wie ein alter Waschlappen, der zu oft ausgewrungen wurde. Regungslos liege ich in meiner Koje. Erkenne diesen schwitzigen, klammen Körper nur noch vage als den meinen. Ein weiterer Wellenruck hebt das Schiff, für einen winzigen Moment scheinen wir schwerelos, dann sinkt der Bug zurück in die tosende schwarze See. Achterbahn fahren in Zeitlupe. Im Rhythmus der Wellen schwappt der Inhalt meines Magens bedenklich hoch in meine Speiseröhre. Schnell schließe ich wieder die Augen. Die kleinste Regung würde das Fass zum Überlaufen bringen. Erneut.
Der ältere Mann in der Koje hinter mir hustet im Schlaf. Ich weiß nicht, wie lange ich mich tot stelle, doch irgendwann dämmere auch ich weg. Als ich wieder aufwache, ist es bereits drei Uhr nachts. Vorsichtig öffne ich erst ein Auge, dann das zweite. Der Seegang hat sich etwas beruhigt, mein Mageninhalt auch. Ich habe schrecklichen Durst und das dringende Bedürfnis, mir die Zähne zu putzen. Ganz langsam richte ich mich auf. Mein Kopf dreht sich. Mit wackeligen Knien taste ich mich zwischen den Kojen hindurch zur Toilette. Die Schiffsladung klammer Leiber schnauft und schnarcht. Ich öffne die Tür zum Badezimmer – und muss fast schon wieder kotzen. Seekrankheit ist in dieser windigen Nacht auf der Sarfak Ittuk Passenger Ferry von Sisimiut nach Ilulissat keine Seltenheit.
Nach dem Trail
Sisimiut. Warten auf die Fähre. Dem Regen zuschauen, wie der Wind ihn über das stahlgraue Meer in den Fischerhafen treibt. Alles ist unwirklich. Dieser Ort ist unwirklich. Auch nach drei Tagen habe ich es noch nicht begriffen. Nach der 180 Kilometer langen Einsamkeit des Arctic Circle Trail erscheint die Normalität der Zivilisation wie eine Illusion. Die bunten Holzhäuser, die wie Konfetti über Hügel und Klippen gestreut scheinen, wirken vor der Rauheit des Meers, der stinkenden Realität der Hochseefischkutter im kleinen Hafen wie Kulissen. Die weichen und zugleich vom Wetter gezeichneten Gesichtszüge der Grönländerinnen und Grönländer muten fast kindlich an auf schweren ATVs oder beim blutverschmierten Zerlegen frischer Jagdbeute im Vorgarten.
Es ist ein seltsamer Ort, an dem Moderne und Kommerz auf dörfliche Tradition treffen. Im museumsartigen „Stadtkern“ schleppen sich beleibte Kreuzfahrer im Rentenalter vom einzigen Souvenirshop ins einzige Café. Filmen und fotografieren alles und jeden. Junge Fischer in Gummistiefeln, grummelnde Bauarbeiter, Frauen mit Kindern auf ATVs. Grönland braucht den Tourismus. Die Fischbestände sind endlich. Soziale Probleme groß. An den ganz und gar nicht fotogenen Wohnblocks am Stadtrand lungern diejenigen, die den Sprung in die neue Zeit nicht geschafft haben. Würde es ihnen besser gehen, könnten sie noch ihr halbnomadisches Leben als Jäger führen? Ich ertappe mich beim Romantisieren des Traditionellen, des „Authentischen“, wie wir Europäer es so gerne tun.
Noch etwas anderes ist unwirklich: dass wir nicht mehr laufen, nicht mehr stinken. Dass wir wieder in einem warmen, weichen Bett schlafen, jeden Tag heiß duschen und uns den sahnigen Köstlichkeiten der Bäckerei um die Ecke hingeben können. Aber auch die Klarheit, die Stärke, die mich die letzten Tage auf dem Trail erfüllten, scheinen zu vergehen, je länger ich in der Zivilisation bin. Wie ein Trugbild, ein Irrlicht, das in düsterschwarzer Nacht verschwindet. Doch ich will sie festhalten. Will nicht zurück in den Nebel aus Hast und Angst, in den Mahlstrom aus Wollen und Nicht-Versuchen, in dem ich vor unserer Abreise nach Grönland haltlos herumwirbelte.
Durch die großen Fenster unseres Hostels sehe ich, wie die rot-weiße Fähre in den Hafen einläuft. Sie wird uns durch Sturm und Eisberge nach Ilulissat bringen, an der Westküste Grönlands entlang. An den berühmten Eisfjord. Die nächste Etappe. Die Zeit bleibt nicht stehen. Neben mir zieht Andrei seine lange Unterhose an. Yannik checkt unsere Rucksäcke. Šimon spielt ein Ballerspiel auf dem Handy. Marek textet mit seiner Frau. Wir haben den Arctic Circle Trail gemeinsam beendet. Gemeinsam starten wir die nächste Runde.
„Eisberg, direkt voraus!“
Anstehen für die Fähre. Vor uns gibt es Diskussionen. Die Hälfte einer polnischen Reisegruppe fehlt. Ob das Schiff wohl warten könnte? Wir legen pünktlich ab. Die nächste Fähre geht erst in einer Woche. Ich bin aufgeregt. Das erste Mal werde ich eine Nacht auf einem Schiff verbringen!
Stau beim Beziehen der Kojen. Immer vier befinden sich in einem Abteil, jeweils zwei übereinander. Die Betten sind durch Vorhänge voneinander getrennt. Ich werfe meinen Rucksack auf das untere Bett direkt an einem kleinen Fenster. In Yanniks Bett liegt bereits ein älterer Grönländer. Er spricht kein Englisch. Wir holen eine Stewardess. Sie schickt mich zu einem Mann mit weißem Hemd und zwei goldenen Streifen auf den Schultern. Der erste Offizier? Ich kenne mich mit solchen Abzeichen nicht aus. Er schickt mich wieder zurück. Die Stewardess schickt mich zurück zur Ticketkontrolle. Der Mann schickt mich zurück zur Stewardess. Es stellt sich heraus, dass der ältere Mann die Nummern an den Betten vertauscht hat. Yannik bezieht das noch freie Bett über mir. Warum nicht gleich so?
Mit lautem Tuten legen wir ab. Die Wellen schlagen gegen das kleine Fenster, wie ein gewaltiger Brustkorb hebt und senkt sich das Schiff. Im Speisesaal treffen wir die drei Tschechen wieder. Kartenspiel ist angesagt. Doch die Jungs halten es nicht lange auf ihren Stühlen aus. Sie wollen an Deck. Wind und Wetter trotzen, wie echte Seemänner! Mir ist mittlerweile kotzübel. Die Tabletten gegen Reiseübelkeit zeigen keinerlei Wirkung. Ich wünschte, ich hätte das Eis, das Yannik mir gekauft hatte, nicht gegessen. Doch mein Verlangen nach allem, was nicht aus Haferflocken, Nudeln oder Bananenchips besteht, ist auch vier Tage nach dem Arctic Circle Trail noch immer nicht zu bändigen.
Schwankend klettere auch ich nach oben. Hoffe, dass es die frische Luft richten wird. Draußen peitschen mir Wind und Regen ins Gesicht. Die Wellen sind tatsächlich so hoch, wie sie sich anfühlen. Yannik, Andrei und Šimon fotografieren sich gegenseitig mit ausgebreiteten Armen an der Reling, rufen: „Eisberg, direkt voraus!“, auf Deutsch und Tschechisch. Danke, James Cameron.
Mir dagegen wird noch schlechter. Ich muss mich hinlegen. Schaffe es nicht in die Koje. Suche verzweifelt eine freie Toilette. Doch aus allen Ecken erschallt das unverkennbare Geräusch von Erbrochenem, das auf eine Aluminium-Kloschüssel trifft. Jeder, der schon mal von einem Fußballspiel mit dem Regionalexpress nach Hause gefahren ist, kennt es. Ich muss mich schließlich mit einem Waschbecken begnügen. Jede Busfahrt wird für mich dank Reiseübelkeit zur Tortur. Doch das hier ist Next Level. Andrei gibt mir schließlich seine Tabletten gegen Seekrankheit. Sie helfen ein bisschen. Doch nur so lange, wie ich mich nicht bewege.
Back to Camping
Völlig gerädert stolpere ich am nächsten Vormittag von der Fähre. Auch in Ilulissat regnet es. Um uns herum fallen sich wiedervereinte Familien in die Arme, Touristen setzen sich in wartende Taxis. „Ich steige nie wieder auf ein Schiff“, sage ich zu Yannik, als wir unsere Rucksäcke verschnallen und uns auf den Weg machen. Aber wohin nur? Es gießt aus Eimern. Wir haben keine Unterkunft, denn Ilulissat ist teuer. Die Lösung liegt nahe! Der Supermarkt!
Mit Gummibären und Keksen bewaffnet ziehen wir los in Richtung Eisfjord. Mit unseren riesigen Rucksäcken und verdreckten Wanderstiefeln fühlen wir uns wie Landstreicher zwischen all den Kreuzfahrern in türkisfarbenen Einheitsjacken auf Landgang. Ilulissat ist wohl die größte Touristenattraktion Westgrönlands, Insta-Spot und Halt eines jeden Kreuzfahrtschiffes. Ein Grund dafür ist der berühmte Eisfjord, seit 2004 UNESCO-Welterbe. Er wird durch den Gletscher Sermeq Kujalleq gespeist – einem der aktivsten Gletscher der Erde. Etwa 10 % des jährlich vom grönländischen Eisschild kalbenden Eises werden durch den Fjord geleitet. Durch eine Moränenablagerung am Meeresausgang des Fjords kommt es dort zur Ansammlung riesiger Eisberge. Bei genügend Druck durch das nachrückende Eis brechen dort kleinere Eisberge ab und enden schließlich im Atlantik. Es wird angenommen, dass die Titanic 1912 mit einem dieser Eisberge kollidierte.
Im Internet haben wir von einem alten Helikopterlandeplatz am Eisfjord-Center gelesen, der wohl als Campingplatz genutzt werden kann. Dort wollen wir unsere Bleibe errichten. Im Regen. Bei Temperaturen um die null Grad. Je näher wir dem Eis kommen, umso eisiger wird auch meine Stimmung. Wir sind nur drei Wochen unterwegs, warum verflucht leisten wir uns kein Hotel? Nicht mal Dog Town, das wir kurz vor dem Center passieren, kann meine Stimmung heben. Die Schlittenhunde in Grönland sind keine Haustiere. Sie sind Nutztiere, so wie es bei uns einst Pferde oder Ochsen waren. Den Sommer über leben sie an langen Ketten in Dog Towns, und Herrchen oder Frauchen kommen nur zum Füttern und Saubermachen vorbei. Jeder Hund hat seine eigene Hütte oder Europalette zum Schlafen.
Wir erreichen das futuristische Gebäude des Eisfjord Besucherzentrums zeitgleich mit einer chinesischen Reisegruppe. „Wo soll denn jetzt der Zeltplatz sein?“, frage ich Yannik. „Also eigentlich genau hier“, er deutet auf die freie Fläche zwischen dem Gebäude und dem neu angelegten Holzsteg, der einige hundert Meter hinunter zum Eisfjord führt. „Das ist doch ein Scherz! Ich zelte doch nicht inmitten von den ganzen Touris hier. Und außerdem steht die Wiese unter Wasser!“, schnauze ich ihn an.
„Vielleicht ein Stück weiter da hoch?“, Yannik blickt zweifelnd nach rechts zu einem kleinen felsigen Hügel, auf dem Masten und andere Gerätschaften angebracht sind. Wir schlängeln uns durch die Kreuzfahrer, und versteckt hinter einer Anhöhe finden wir nicht nur einen flachen, einigermaßen trockenen Platz für unser Zelt, sondern auch einen Picknicktisch mit Bänken. Und eine vermüllte Feuerstelle. „Hier willst du jetzt die nächsten vier Nächte pennen?“, der Sarkasmus in meiner Stimme ist kaum zu überhören. Ich deute zu den immer tiefer heranwabernden Nebelschwaden und feuchten Wolkenschleiern. „Das wird kalt.“, füge ich hinzu, ohne Yanniks Antwort abzuwarten.
Kurz darauf am Eisfjord. Die letzten Reisegruppen mit ihren Guides ziehen ab. Ich stehe vor dem Eisfjord, diesem Weltwunder, und empfinde: nichts. Kein Gefühl der Ergriffenheit. Keine Demut ob der Schönheit der Natur. Egal, wie lange ich bibbernd und zitternd davor stehe. Yannik ist mal wieder mit der Kamera in andere Sphären entschwunden. Ich rufe nach ihm. Er hört mich nicht. Ich hasse das. Ich hasse es auch, gleich das Zelt aufbauen zu müssen. Ich hasse es, dass es kalt ist. Ja, ich weiß, dass ich in Grönland bin. Nein, das hasse ich nicht. Aber meine Festplatte ist voll. Körper und Verstand erschöpft. Später versuchen wir, unsere steifen Finger am Kochtopf zu wärmen. Der Gaskocher schafft es nicht mehr, das Nudelwasser zum Kochen zu bringen, während sich dichter, kalter Nebel über uns legt.
Bin ich die Auskunft, oder was?
„Nein, ich weiß nicht, ob der Gelbe Trail in gutem Zustand ist!“, schnauze ich einen der Kreuzfahrer an, nachdem ich vergeblich versucht habe, im warmen Eisfjord Center aufs Klo zu gehen, wegen der versammelten Rentnerschar aber nicht durchkam. Nun versuche ich, mir den Weg zurück hinaus zu unserem Zelt zu bahnen. Nicht weit davon beginnt einer der Trails, die am Eisfjord entlangführen. „Sehe ich vielleicht aus wie die Auskunft?“, murmle ich vor mich hin und blicke an mir hinunter: schmutzig-gelbe Regenjacke, schlammige Hosenbeine und Schuhe, deren Farbe inzwischen undefinierbar geworden ist. Eher nicht.
Zurück am Zelt, wo Yannik in aller Seelenruhe unsere Schüsseln mit einem Rest Wasser aus der Trinkflasche spült, wuchte ich meinen Rucksack auf die Schultern, baue mich zu meiner vollen, beeindruckenden Größe (1,69 m) auf und zische: „Also, entweder du buchst jetzt ein Hotel oder ich laufe zum Flughafen. Und denk daran, dein Pass und dein Geld sind in meinem Rucksack!“ Natürlich weiß Yannik, dass ich bluffe, aber auch ihm scheint die Zeltsituation an diesem Touri-Hotspot nicht besonders zu gefallen. „Gut“, seufzt er. „Ich gehe ins Center und nutze dort das WLAN, du packst die Sachen.“ Zufrieden werfe ich den Rucksack wieder ab. Akzeptanz durch Penetranz!
Wenig später kommt er zurück. „Eine Nacht müssen wir noch hier bleiben. Ab morgen haben wir ein hübsches AirBnB. Das war das Einzige, was einigermaßen preiswert war.“ Ich nicke zufrieden. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Hauptsache Privatsphäre, Hauptsache warm. Jetzt kann das letzte Grönland-Abenteuer – Ilulissat – beginnen. Beim Wasserholen auf der Besuchertoilette freunde ich mich sogar mit einem der älteren Kreuzfahrer an. Er erzählt mir, dass sie aus Kanada seien und als Nächstes die berühmte Nordwestpassage passieren werden. Sein freundlicher kanadischer Akzent erinnert mich an meinen Sprachaufenthalt in Vancouver vor zehn Jahren, und ich plappere fröhlich vom ACT und zeige ihm, wo wir kampieren. Das erinnert den Herren wiederum an seine Jugend, und er beginnt, von seinen Erlebnissen auf dem Appalachian Trail – einem der drei längsten Trails durch die USA – zu erzählen. Seine Frau unterbricht ihn, die Gruppe muss zurück aufs Schiff.
Stehen und Staunen
Der Wettergott ist uns an diesem Vormittag gnädig. Sonnenstrahlen dringen schon bald durch den dichten weißen Nebel. Ein letztes Mal lassen wir unser Zelt stehen, laufen wieder vorbei an Dog Town, wollen hinunter zum Wasser, zu den Eisbergen. Wir laufen auf der asphaltierten Hauptstraße, Gehwege gibt es nicht. Obwohl sich der Verkehr an diesem Morgen in Grenzen hält, stinkt es gewaltig nach Abgasen. Umweltplakette, Filter – gibt es hier draußen nicht. Die kalte, frische Luft, die vom Meer über die Stadt geweht wird, nimmt uns bisweilen genauso den Atem wie die dunklen Rauchwolken, die sich aus klapprigen Auspuffen ihren Weg nach draußen bahnen.
Die kräftig gestrichenen Holzhäuser sind oft auf Stelzen über den felsigen, hügeligen Boden gebaut. Um diese Zeit sind hier unten am Meer nur wenige Kreuzfahrer. Die meisten sind bereits beim Eisfjord. Wir erreichen eine dunkelbraun gestrichene Kirche mit weißen Fensterrahmen. Direkt am Meer reckt sie ihren schlanken Glockenturm wie ein Bleistift in den Himmel. Wir legen eine Pause ein, parken unsere Rucksäcke vor der Kirche und laufen über das felsige Ufer in Richtung Meer. Ein Stückchen blauer Himmel zeigt sich, die Eisberge vor uns – kleine und große – glitzern wie Diamanten im leichten Sonnenlicht. „Wie kann man sich jemals an so etwas sattsehen?“, frage ich mich. Ist dieser Anblick auch für die Grönländerinnen und Grönländer noch immer besonders? Oder längst Alltag?
Wir schlendern weiter eine steile Holztreppe hinauf. Viele Häuser und Straßen sind für Fußgänger nur über solche Treppen erreichbar, ohne einen langen Umweg in Kauf zu nehmen. Das Wohngebiet, das wir nun passieren, gleicht einer Filmkulisse. Gelbe, blaue, grüne und rosafarbene Häuser kleben an Klippen und Fels. Ein jedes hat sein eigenes Hundegespann vor der Haustür. Flauschig weiße Bärchen, die den nächsten Winter nicht abwarten können. Schneemobile – sauber aufgereiht – warten auf ihren nächsten Einsatz. Trotz Sonnenschein ist es eisig kalt. Der Wind schneidet in unsere roten Wangen, Fingerspitzen und Fußzehen sind trotz Bewegung taub. Unser Ziel ist das E-Werk am Ende der Stadt. Dort beginnt der gelbe UNESCO-Trail. Er führt immer am Rand der Klippe entlang, hoch über dem Eismeer bis hin zum Eisfjord, dem Eisfjord Center und damit auch zu unserem Zelt.
Oben auf der Klippe rasten wir erst einmal hinter einem großen Felsbrocken, der uns zumindest ein bisschen vor dem Wind schützt. Wir verschlingen förmlich die letzten Gummibärchen und die kleine Pizza, die wir uns im Backshop des hiesigen Brugseni-Supermarktes gekauft hatten. Rechts bietet sich ein wundervoller Blick über Ilulissat, Bucht und Hafen. Ich schüttle den Kopf, ungläubig, beeindruckt, dankbar. Das kann doch nicht real sein. Die bunten Farben der Stadt, eingerahmt von grau-grünem Fels und dem stählernen Blau des Meeres, gespickt mit glitzernden Eisbergen.
Ein dumpfes, pustendes Geräusch durchbricht plötzlich die Stille. Tief unter uns zieht eine Walfamilie zwischen den Eisbergen vorbei. Buckelwale kommen im Sommer nach Grönland, um in der nährstoffreichen arktischen See zu fressen. Den Winter verbringen sie in südlicheren Gefilden. Wir steigen weiter die Klippe hinauf, bis wir den Eisfjord überblicken können. Dieses weltweit einzigartige Gebilde, dieses schwimmende Gebirge aus bläulich schimmerndem Eis. Wir stehen und staunen. Stehen und staunen. Die Kälte, die sich durch unsere Kleidung in unsere Körper frisst, ist vergessen. Was sich vor uns abspielt, ist – ich finde keinen anderen Ausdruck dafür – pure Magie. Etwas, das nur Mutter Natur zu schaffen vermag.
Der Himmel wabert gelblich-grau über der tiefhängenden watteweißen Wolkendecke. Nebel verhüllt die Weiten, die Höhen des Eisfjords. Nur graue Schemen zeichnen sich ab, lassen vermuten, dass sich das Eis bis zum Horizont und darüber hinaus erstreckt. Doch nicht nur Formen schluckt der Nebel. Es ist, als befänden wir uns in einem weißen Vakuum, in einem Traum. Jegliche Geräusche der Zivilisation sind ausgelöscht. Eine leise, samtige Stille. Nur durchbrochen durch das plätschernde Rauschen des Wassers, dessen emsige Strömung nie zum Erliegen kommt. Stehen und staunen.
Wir stehen so lange, dass wir beobachten können, wie sich heimlich, fast unmerklich das Licht verändert, wie die weißgelben Strahlen der Sonne die Wolken über dem Fjord durchbrechen, wie sich der Nebel zu lichten beginnt, eine Welt aus Eis zum Vorschein kommt, die bis in die Unendlichkeit zu reichen scheint. Vor uns liegt eine Schlucht, ein Canyon aus Eis, an dessen Ende sich eine Bergspitze abzuzeichnen beginnt. Erhellt von Sonnenstrahlen erhebt sich die nahezu perfekte Kegelform des Eisriesen in den Himmel. Was mögen Thorin Eichenschild und seine Zwergenmannschaft aus Tolkiens „Der Hobbit“ wohl empfunden haben, als sie den mächtigen „Erebor“ – den einsamen Berg – zum ersten Mal am Horizont erblicken? Stehen und staunen. Stehen und staunen. Endlich fühle auch ich etwas. Endlich stellt es sich ein, dieses erhabene, erhebende Gefühl, Teil von etwas Einzigartigem zu sein. Teil von unserem Planeten. Der Erde. Ich möchte diesen Anblick festhalten. Ihn für immer auf meiner Netzhaut einbrennen.
Die Wege trenne sich
Der nächste Tag. Die letzte Nacht im Zelt ist überstanden. Frohen Mutes brechen wir in die Stadt auf zu unserem AirBnB. Körper und Seele lechzen nach einer heißen Dusche, einer Heizung. Nachts waren die Temperaturen erneut unter null gefallen. Unser Zimmer befindet sich im Keller eines der auf hölzernen Stelzen auf blankem Fels erbauten roten Holzhäuser. Den eigenen Eingang erreichen wir über eine lange Treppe, die von der Hauptstraße gleich gegenüber vom Supermarkt an die Felsen genagelt ist.
Das kleine, rosa gestrichene Zimmer besteht zum großen Teil aus einer wolkenweichen Matratze mit kuschligen Bettdecken. Die Wände zieren aus Papier ausgeschnittene Schmetterlinge, ein Rentierfell, das Horn eines Narwals, ein Familienfoto und ein Flachbild-TV mit Netflix. Kinderzimmer mit Jagdtrophäen. Aus dem Fenster können wir das Meer mit den Eisbergen sehen. Ich fühle mich pudelwohl! Doch wir wollen es uns nicht gleich zu bequem machen – einmal im warmen Bett, und wir würden vermutlich nicht mehr aufstehen. Ein weiterer UNESCO-Trail am Eisfjord entlang erwartet uns.
Ich überlege kurz, ob ich Yannik allein gehen lasse – er kann es kaum erwarten, weitere tausend Fotos von den Eisbergen zu machen –, aber ich bin nur einmal hier, denke ich. Wieder passieren wir das Eisfjord Center mit Kreuzfahrern im Einheitslook, eilen über den überfüllten hölzernen Boardwalk hinunter zum Eis und folgen schließlich den dunkelblauen Punkten weg vom Trubel. Wir laufen schweigend, wohl wissend, dass wir den Eisfjord heute zum letzten Mal sehen werden. An einem kleinen Kieselstrand machen wir Halt. Das milchig-graue Wasser des Fjords bildet einen harschen Kontrast zu dem kräftigen Rot und Violett der Blaubeersträucher, die die hügeligen Ufer säumen.
Auf dem Weg zurück in Richtung Ilulissat kommen uns drei wohlbekannte Gestalten entgegen. Ein junger Mann mit Schnauzer, orangefarbener Wanderhose, orangefarbener Jacke und orangefarbener Mütze winkt bereits enthusiastisch. Ohne Zweifel: Andrei, Marek und Šimon nehmen ebenfalls Abschied vom ewigen Eis. Die drei sehen so müde aus, wie wir uns fühlen. Seit knapp drei Wochen Tagen kreuzen sich unsere Wege. Von einer schnapsgetränkten Nacht auf dem ACT, einem verregneten Tag in Sisimiut bis hin zur verkotzten Fährfahrt hatten wir einiges zusammen durchgestanden.
„Schön, dass wir uns noch mal treffen. Wir fliegen morgen, wenn das Wetter mitspielt“, meint Marek mit besorgtem Blick in den tiefgrauen Himmel. „Wir haben noch zwei Tage.“ Wir tauschen uns kurz über eine Walsafari aus. Unabhängig voneinander haben wir den gleichen Anbieter gewählt. „Also … es war wirklich schön, eure Bekanntschaft gemacht zu haben“, sagt Marek schließlich, als dicke, kalte Regentropfen beginnen, auf uns niederzuprasseln. „Ja, das war es“, erwidert Yannik etwas steif. Andrei, Šimon und ich nicken nur. Wir lächeln verlegen. Ich habe ein bisschen Tränen in den Augen, überlege kurz, ob wir nicht ein gemeinsames Foto machen sollten zum Abschied oder zumindest Instagram austauschen sollten. Doch ich sage nichts. Keiner sagt etwas. Wir wollen unsere lustigen Spontantreffen so in Erinnerung behalten, wie sie waren. Spontan und echt.
Wir nicken uns zum Abschied zu. Es ist gut, wie es ist. Und man sieht sich immer zweimal im Leben. Die Frage ist nur, wo und wann.
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Das ist wieder ein ganz toller, spannender Beitrag