Guatemala Sehenswürdigkeiten Fuego

Vulkantour auf den Fuego & Acantenango

Licht und Schatten des Vulkantourismus in Guatemala

Ob am Morgen in der Sprachschule oder abends in einer der vielen Bars von Antigua, es ist das Gesprächsthema Nummer eins: Wer geht wann auf den Acantenango und mit welchem Touranbieter? Wer hat wie viel bezahlt? Wer hat vor, den Extra-Hike auf den Grat direkt unterhalb des feuerspeienden Fuegos auf sich zu nehmen? Kurz gesagt, jede und jeder, die oder der auch nur halbwegs körperlich fit ist, nimmt diese zweitägige Strapaze auf sich. Wir bilden da keine Ausnahme. Auch wir möchten dem feuerspeienden Schicksalsberg – dem Volcán de Fuego – so nah wie möglich kommen. Wann und wo gibt es schon die Möglichkeit als einfacher Backpacker auf einen Vulkan zu steigen? Heute denken wir etwas kritischer über die Touren zu Acantenango und Fuego und den Vulkantourismus in Guatemala.

Der Volcán de Fuego ist ein 3760 Meter hoher, aktiver Stratovulkan ca. 20 Kilometer von Antigua entfernt. Mit dem seit 1972 inaktiven Acantenango bildet er einen Doppelvulkan. Der Fuego Vulkan zeichnet sich durch einigermaßen regelmäßig auftretende strombolianische Eruptionen aus, die sich jedoch immer wieder zu Paroxysmen mit bis zu 1000 Meter hohen Lavafontänen, pyroklastischen Strömen und kilometerhohen Aschewolken steigern. Zuletzt kam es 2018 zu einer katastrophalen Eruption am Fuego mit einer 17 Kilometer hohen Aschewolke und 12 Kilometer langen pyroklastischen Strömen, die über 300 Menschenleben forderten. Zuletzt mussten im März 2025 Dörfer wegen zunehmender Aktivität des Fuego evakuiert werden. 

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Der rauchende Fuego von der Dachterrasse unseres Hotels aus fotografiert

Irgendwie hatten wir den Andrang auf den Berg unterschätzt und vor unserer Abreise aus Deutschland noch keine Tour vorgebucht. Wir nahmen mit dem, in der unserer Sprachschule ansässigen, „Guiness Travel“ (Preis aktuell laut Website ab 100 $) vorlieb, denn die ganzen fancy Tour-Anbieter wie Sol-Tours (sie sollen auch wirklich gut sein) waren bereits ausgebucht für die nächsten drei Wochen! Da wir unter der Woche mit unserem Sprachkurs zu Gange waren, buchten wir am Wochenende. Ein Fehler…

Um 09:00 Uhr werden wir in Antigua eingesammelt, um 10:30 Uhr startet die Tour in der Gemeinde La Soledad am Fuße des Acantenango. Dort erhalten wir „Ausrüstung“ wie Mütze (lieber nicht aufsetzten) und Handschuhe und unsere Lunchboxen für Mittags und Abends. Einige leihen sich dort auch Schuhe und Jacke. Dann werden wir in Gruppen aufgeteilt, die lokalen Guides stellen sich vor, es gibt eine kurze Einführung. Hinaus auf die Straße. Das ganze Dorf gleicht einem Jahrmarkt. Busse, Taxis, Guides und Touris wimmeln umher. Der Mensch von Guiness Travel in der Sprachschule erklärte uns, wir seien die einzigsten in unserer Gruppe. Nun sind wir etwa zehn. Keiner von den anderen buchte bei Guiness Travel. Da versteh einer die Welt.

Im Schneckentempo kriechen wir dann die nächsten sechs Stunden den steilen Hang des Acantenango hinauf. Schneckentempo deshalb, weil sich an Wochenenden täglich tausende von Menschen den Berg hinauf- und hinunter schieben. Die schmalen Pfade sind dafür einfach nicht gemacht. Die „Rastplätze“ sind überfüllt. Ihre Umgebung gleicht Kloaken bzw. Müllhalden. Es ist wirklich schwer dem ganzen Spektakel etwas Positives abzugewinnen, bis der rauchende Fuego und das Camp aus Wellblechhütten auf 3750 Meter unterhalb des Gipfels des Acantenango gegen 16:30 Uhr endlich in Sicht kommen.

Dann muss es schnell gehen. Wer möchte den Extra-Hike auf den Grat des Fuegos antreten? Eigentlich ist die Besteigung des Fuego von den Behörden verboten worden. Es steht auch nicht auf unserer Tourbeschreibung, trotzdem machen es Hunderte. Aus unserer Gruppe sind es nur Yannik und ich. Den Guide extra bezahlen und los gehts. Im Sonnenuntergang nahezu querfeldein den Hang des Acantenango wieder ein Stück hinunter, dann den noch steileren des Fuego wieder hinauf bis wir den Grat knapp 1000 Meter vom Kraterrand entfernt erreichen. Es ist eine schmutzige Angelegenheit. Im Halbdunklen fallen wir mehr hinauf als dass wir laufen. Die Stirnlampen, die man uns zur Verfügung stellte, funktionierten nicht. Eine schwarze Staubschicht zieht sich über unsere Kleidung, vermischt sich mit dem Schweiß auf unserer Haut. Dann endlich erreichen wir den Grat. Vor uns der schwarze Kegel des Fuego, sonst nur die Sterne. Wir warten, kauern wir im Staub des Vulkans, zwischen Hunderten anderen. Der eisige Wind fegt uns um die Ohren, ein regloser Finger am Auslöser der Kamera.

Fuego Acantenango Wanderung Guatemala
Die letzten Meter bis zum Base Camp auf dem Acantenango, der Fuego schon in Sichtweite.
Fuego Acantenango Wanderung Guatemala
Überfüllte Rastplätze am Acantenango

Ein gurgelndes Donnern zerreißt die Stille. Erste rot-orangene Funken sprühen, glitzern wie Juwelen vor dem nachtschwarzen Himmel. Dann, mit einem weiteren dumpfen Aufbäumen schleudert der Vulkan sein Inneres von sich. Immer höher steigt die heiße Lava. Zunächst grell-gelb, fast weiß, dann orange und schließlich tiefrot wenn sie auf dem Kraterhang aufschlägt und  wieder Teil der Erde wird. Wir hören nicht nur die Explosion im Bauch des Vulkans sondern auch die Einschläge der erkalteten Lava wie Kanonenkugeln. Eine Machtdemonstration der Natur. Würde jetzt der Wind drehen, der Fuego seine Laune ändern, wir wären dahin. Nach einer halben Stunde machen wir uns steif gefroren auf den Rückweg auf den Acantenango. Noch schlimmer als andersherum.

Zurück am Camp begrüßt uns Guide Christian mit dem warmen Abendessen und heißer Schokolade, der Rest der Gruppe schläft bereits. Wir haben kein Interesse daran in die kalte Hütte zu kriechen. Die dünnen und viel zu kurzen Matten und Schlafsäcke sind mit Sand und Staub überzogen. Yannik reichen sie gerade mal bis zum Bauchnabel – bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt eigentlich unverantwortlich. Wir bleiben noch am Feuer sitzen und bewundern – endlich einmal ungestört – den Vulkan.

Guatemala Sehenswürdigkeiten Highlights Fuego
Alle fünfzehn bis zwanzig Minuten spuckt der Fuego sein feuriges Inneres in den Himmel

Der nächste Programmpunkt aller Touren ist der ca. 45 minütige morgendliche Aufstieg auf den Gipfel des Acantenango. Um 04:30 Uhr geht es los, um den Sonnenaufgang und den Fuego von oben zu bestaunen. So die Theorie. In unserem Fall gab es außer Nebel nichts zu sehen. Um sieben erfolgt der Abstieg ins Camp, ein schnelles Frühstück und dann im Stop and Go zurück nach La Soledad. Wie Sardinen in der Büchse drängen wir uns auf den schmalen Wegen, während die nächsten Touren bereits schnaufend an uns vorbei nach oben stapfen. In La Soledad erwartet uns um 13:00 Uhr der Bus zurück nach Antigua, den wir wieder – wie seltsam – allein, ohne unsere Wandergruppe besteigen.

Fuego Acantenango Wanderung
Base Camp auf dem Acantenango im morgendlichen Nebel
Fuego Acantenango Wanderung
Abstieg im Stau. 45 Minuten treten wir auf der Stelle.

 Der aufmerksame Leser wird festgestellt haben, dass wir unsere Zweifel an den Touren auf den Acantenango bzw. Fuego haben. Wer ein Naturerlebnis sucht, wer „Abenteuer“ sucht, wer – Gott bewahre – etwas über Vulkane lernen will, der ist hier falsch. Das hier ist Massenware. Profit auf den knochigen Schultern lokaler Guides und Trägerinnen (!) und Ausbeutung der Natur. Es gibt keinerlei Beschränkungen. Zusätzlich zu den Touren, kann jeder auch privat sein Zelt am Vulkan aufschlagen. Viele Guatemalteken tun das. Familienausflug zum Fuego. Von „Leave no Trace“ keine Spur.

Von den Touranbietern, als auch von den Touristen selbst, wird außerdem vergessen, dass ein aktiver Vulkan unberechenbar ist. Eine Naturgewalt, keine Sehenswürdigkeit. Erst im Frühjahr 2025 mussten wegen erhöhter Aktivität des Fuego wieder umliegende Dörfer evakuiert werden. Vulkanologen gehen davon aus, dass der Vulkantourismus am Fuego wegen dem unverantwortlichen Umgang mit der von einem Vulkan ausgehenden Gefahr seitens der Tourveranstalter früher oder später eingestellt werden muss. Damit ginge auch eine nahezu einmalige Möglichkeit verloren für Nichtwissenschaftler einen Vulkan aus nächster Nähe beim Ausbruch zu beobachten.

Natürlich ist der Fuego ein absolutes Highlight für jede Guatemalareise. Es ist ein einmaliges und prägendes Ereignis und für jeden ernsthaften Fotografen ein Traum. Doch ich weiß nicht, ob ich diese Tour unter diesen Umständen noch einmal machen oder empfehlen würde. Jede und jeder sollte sich nach dem „Warum“ befragen, ob man den Massentourismus an einem der aktivsten Vulkane Zentralamerikas, der schon einige Menschenleben, zuletzt im Jahr 2018 forderte, unterstützen möchte. Das hier ist kein Urteil. Lediglich die Aufforderung kritisch zu hinterfragen. Etwas, dass wir Reisende immer tun sollten, wozu auch wir uns immer wieder ermahnen müssen.

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