Drei Wochen Roadtrip durch Schottland: Beziehungskrise, Sturmtief und Zeckenbiss
Teil 1: Von Magie, Batman und schottischen Klischees
Noch nie habe ich im Flugzeug in der ersten Reihe gesessen. Der Schub von hinten drückt mich in den Sitz. Leichtes Vibrieren. Das Dröhnen der Triebwerke hallt in der Leere meines Kopfes. Noch nie habe ich einer Reise, einem Urlaub so wenig entgegengefiebert.
Ich sehe Yannik an. Keine Aufregung oder Vorfreude. Seine sonst so strahlend blauen Augen blicken stumpf zurück. Was ist mit uns passiert? Träumten wir nicht vor 10 Jahren, frisch verliebt, von einer Reise nach Schottland? Leisten konnten wir es uns nicht. Jetzt war das Geld da. Und der Traum? Ausgeträumt? Ich schließe die Augen, frage mich, ob Schottland es richten wird. Wieder Ruhe, wieder Frische in unser beider Köpfe bringen wird, wieder Gefühle in die Herzen.
Welcome to Scotland!
Rumpelnd setzen wir auf dem Rollfeld in Edinburgh auf. Es war ein angenehmer Flug. Doch meine Gedanken kreisen – Passkontrolle, die Rucksäcke abholen, den richtigen Bus finden, zum Hostel laufen. Mein Puls beschleunigt sich. Schon wieder To-dos, die abgehakt werden müssen. Doch Schottland meint es gut mit uns. Vorerst.
Unser Gepäck dreht schon seine Runden, als wir die Ankunftshalle betreten, die gläsernen Türen der Passkontrolle öffnen sich automatisch, violette Schilder weisen unverkennbar den Weg zum Airport Bus. Dass wir richtig sind, erkennen wir an der ordentlichen Menschenschlange, die sich an der Bushaltestelle gebildet hat. Ein Angestellter mit grellgelber Warnweste und breitem Schnauzer läuft die Reihe entlang, verkauft Tickets, beantwortet gut gelaunt jede Frage. Ich kann nicht anders, als mich willkommen zu fühlen.
Der Bus braust herbei. Leute steigen aus, wir steigen ein. Keiner drängelt, keiner schubst, der Busfahrer schenkt jedem ein Lächeln. Wir sausen los in Richtung City Center. Die typischen Industrievororte gehen über in einstöckige Wohnhäuser aus grauem Stein, mit akkurat gestutztem englischem Rasen davor. Dazwischen Villen im viktorianischen Stil. Je näher wir dem Stadtzentrum kommen, umso enger werden die Straßen, umso dichter stehen die nun dreistöckigen Häuserzüge. Durch das geöffnete Busfenster wabert der verführerische Geruch von Fish and Chips herein, fröhliches Stimmengewirr und das klirrende Plärren eines Dudelsacks. Ein vornehmer Tweedladen preist Jackets für die Herren und enge Röcke für die Damen von Welt an.
Ich starre mit offenem Mund aus dem Fenster. So uninspiriert das auch klingen mag, es ist wie ein Traum. Wie Harry Potter, Downton Abbey und Weihnachten zusammen! „Das kann doch nicht echt sein!“
Batman and Robin
„Hi, ihr seid Batman und Robin!“, begrüßt uns eine junge Frau mit tief ausgeschnittenem Tanktop und kanadischem Akzent. Bevor wir etwas erwidern können, weist sie uns in einem Redeschwall in das Royal Mile Backpacker Hostel ein, das – wie der Name schon sagt – direkt auf der Royal Mile liegt, und händigt uns den Schlüssel zu unserem Acht-Betten-Domizil aus. Auf einem abgegriffenen Holzanhänger entziffere ich die Buchstaben – „Batcave“. Als wir den Flur entlanglaufen, fällt der Groschen: Alle Räume tragen Namen aus Science-Fiction- oder Fantasyfilmen. „Ich bin Batman!“, rufe ich sogleich, als wir in unser Zimmer treten, und deute auf das Schild am letzten freien Bett in der oberen Etage.
Batman und Robin machen sich nur schnell frisch und eilen dann auf Geheiß der Kanadierin zum George IV. Pub in einer der Seitenstraßen der Royal Mile. Hinter hohen Fensterscheiben gibt eine Altherrenband ihr Bestes, nahezu jeder Tisch ist besetzt, Wände und Decke aus dunklem Holz, golden schimmernde Whiskyflaschen hinter der Bar. An einem der Zapfhähne baumelt ein Schild: „Please and thank you is very Scottish.“ Burger, Bier, Fish and Chips. Scotland at its best.
Achtung Fahranfänger
Pünktlich um zwölf Uhr des nächsten Tages besteigen Batman und Robin in ihr gemietetes Batmobil – einen feurig-schwarzen Fiat 500 – im Parkhaus einer Mall mitten in Edinburgh. Zu Batmans Ärgernis handelt es sich bei diesem Modell um einen Schaltwagen! Bisher sind wir nur Automatikwägen im Linksverkehr gefahren. Schlüssel rein, der Scheibenwischer wischt los, als hinge sein Leben davon ab, der Superheld findet den Blinker nicht. Der Motor heult auf, das Gefährt rollt an, Batmans Fingerknöchel am Lenkrad treten weiß hervor, während er und Robin durch das Parkhaus rasen – mit 10 km/h.
„Du musst schalten!“, ruft Robin über die vier Umdrehungen des kleinen Motors hinweg, während er sich verkrampft in den Sitz drückt. Batman fuchtelt panisch mit der linken Hand. Wisch-Waschwasser sprüht, wieder tobt der Scheibenwischer. „Scheiße!“ The Dark Knight reißt am Schaltknüppel und bombardiert das Batmobil ruckartig in den zweiten Gang. Robin stößt sich den Kopf. Mit zu grotesken Fratzen verzerrten Gesichtern rollen die zwei Helden unweigerlich auf den hell leuchtenden Ausgang des Parkhauses zu. Draußen braust der Stadtverkehr vorbei.
Die Straßen in Schottland sind schmal, voller Schlaglöcher, die Autofahrer zum Glück geduldig. Mit der gleichen stoischen Gelassenheit, wie sie Schlange stehen, schleichen sie hinter mir her, bis sich eine sichere Möglichkeit zum Überholen bietet. Gedrängelt oder gelichthupt wird nicht. Je weiter wir uns von der Innenstadt entfernen, umso breiter werden die Grundstücke, umso herrschaftlicher die Anwesen, bis sie schließlich Feldern und Weiden weichen, Schafen und Kühen. Das saftige Grün lässt noch auf sich warten, noch dominiert das gelblich-braune Wintergras die Landschaft.
Wir folgen den Schildern in Richtung Loch Lomond. Die Sonne steht bereits tief über der weiten Landschaft. „Hier musst du rechts abbiegen.“ Ich biege links ab. Allerdings auf der rechten Spur! „Was machst du denn!“ Panisch reiße ich das Lenkrad herum, um dem Gegenverkehr auszuweichen. Zittrig bringe ich das Auto in einer Einfahrt zum Stehen. Batman weigert sich weiterzufahren.
Life on the Road - Scottish Edition
Musik, Gelächter, trunkene Männerstimmen, das Klirren von Gläsern schallt uns entgegen, als wir einige Stunden später entnervt die Tür zum Drovers Inn aufreißen. Ein lebensgroßer ausgestopfter Bär im Schottenrock, Hirschgeweihe und Eberköpfe an den Wänden sind das Erste, was wir sehen. Die Luft riecht abgestanden, nach Essen und Bier. Alle drei Schankräume scheinen voll besetzt.
Von einer jungen Frau mit Piercings und Tattoos im Gesicht nehmen wir unseren Schlüssel entgegen. Nummer sieben, es ist der letzte am Schlüsselbrett. Wenn wir noch etwas zu essen wollen, müssten wir uns eilen, sagt sie. Um acht macht hier die Küche dicht. Danach konzentriert man sich auf goldgelbe Flüssignahrung. Wir steigen die knarzenden, mit Teppich ausgelegten Stufen in den zweiten Stock des verwinkelten Steinhauses. Die Wände zieren Jagdszenen und Porträts verstorbener Adeliger. Im Zimmer sinken wir auf die Betten. Aufregung und die lange Fahrt haben uns erschöpft. Lieber im mollig warmen Zimmer bleiben, anstatt uns dem feuchtfröhlichen Trubel des Pubs auszusetzen.
Mit etwas gequältem Lächeln schieben wir uns dann doch hinter den letzten freien Tisch, ganz in einer Ecke neben der Bar. Ich fühle mich nicht wohl. Das laute, unbeschwerte Treiben überfordert mich, zeigt mir nur allzu sehr, dass ich genau das nicht bin. Unbeschwert. Eine eiskalte Cola bringt die Lebensgeister zurück. Nach Alkohol ist mir nicht. Ich lasse den Blick durch den Raum und über die Gäste schweifen. Die steinernen Wände funkeln erhellt von Lichterketten. Ein Gitarrist stimmt seine Gitarre. Eigentlich ein schöner, ein warmer Ort. Unser Burger kommt. Die schottische Kuh schmeckt hervorragend.
Je später es wird, umso ausgelassener wird die Stimmung. Bier und Cider fließen, schottische Volkslieder erfüllen den Raum. Tische werden zur Seite geschoben, um Platz für die Tanzfläche zu schaffen. Wir klatschen fröhlich mit, doch mein Herz erreicht die Stimmung nicht. In Gedanken bin ich zu Hause, bei all den unschönen gesagten und ungesagten Dingen. Bei unserem Streit kurz vor der Abreise. Als wir zurück aufs Zimmer gehen, ist es Mitternacht. Für Gespräche zu erschöpft, sinken wir in die Betten. „Morgen wird’s besser“, denkt sich jeder für sich.
Willkommen in Hogwarts! - Über die Magie von Drehorten
Es gießt aus Eimern, am Himmel hängen gespenstisch graue Wolkenformationen. Kalter Wind peitscht den Regen in unsere Gesichter. Kleine Wellen schlagen an die Ufer des Schwarzen Sees, Hogwarts ist nicht weit. Diejenigen, die mit den Geheimnissen der magischen Welt vertraut sind, wissen es, spüren es. Sie können „a scarlet steam engine“ über das Glenfinnan Viaduct fahren sehen, eine lange Dampfwolke hinter sich her ziehend. Sie bemerken den „Giant Squid“, der neugierig seine Tentakel aus dem Wasser des Schwarzen Sees reckt. Nur wenige hartgesottene Muggel trauen sich heute hier hinaus. Auf der Suche nach der magischen Welt.
Die Geschichte von Harry Potter ist mittlerweile Teil von mir. Harry, Ron und Hermine sind da, wann immer ich sie brauche. Immer noch. „After all this time“. Sie lehrten mich, dass es okay ist, ein bisschen anders zu sein, nicht immer mit dem Strom zu schwimmen. Nun ja, und Hermine machte mich zur Streberin. Lange war es mir nicht bewusst, aber die Story über „den Jungen, der überlebt“ hat mich mehr geformt, als ich zugeben mag.
Gefühlschaos überkommt mich, als wir auf einem kleinen Hügel oberhalb des Viadukts stehen und die Szenerie überblicken, der kalte Wind unsere Gesichter brennen lässt. Ich dachte immer, ich wäre euphorisch beseelt, würde ich an einen solchen Ort kommen. Doch meine Freude ist leiser als gedacht, nach innen gerichtet. Ich will alles aufsaugen, in mir festhalten. Und dann wird mir bewusst – ich fühle mich einsam. Obwohl Yannik neben mir steht. Ich will mich nicht so fühlen. Nicht hier.
Der Zug aus Fort William tuckert über das Viadukt. Seit 1901 rattert er zwischen Fort William und Mallaig hoch üder dem Loch Shiel vorbei, als Teil der West Highland Line. Die Passagiere tummeln sich hinter den Glasscheiben, winken aufgeregt. Der Regen läuft mir inzwischen aus den Haaren ins Gesicht. Trotzdem wollen wir den vier Kilometer langen Wanderpfad bis zur Glenfinnan Railway Station laufen. Wir brauchen Zeit. Füreinander. Ohne Ablenkungen. Uns alles von der Seele reden. Diskutieren. Feststellen, dass der Alltag nervt, wir aber noch genauso zusammengehören wie vor elf Jahren. Etwas schlingpflanzenartiges, das seit unserer Abreise einen dicken Knoten in meiner Brust formte, löst sich, wird von etwas Warmem, Wohligem abgelöst. Hoch über dem Schwarzen See liegen wir uns in den Armen, während der Regen unsere Jacken längst durchweicht hat. „Lumos Solem.“
Wir fahren weiter. Immer um den Loch Shiel herum. Unsere durchnässten Sachen trocknen im Kofferraum, die Scheiben beschlagen. Die schmale Straße schlängelt sich durch die gelbgrüne Hügellandschaft, nur durchbrochen von dunklen Seen. Kein Auto kommt uns mehr entgegen, anscheinend wissen nicht viele, dass sich etwa fünf Meilen vom Viadukt entfernt ein weiterer Ort der magischen Welt befindet: Dumbledores Grab.
Die kleine Insel inmitten des düsterschwarzen Sees, wo Voldemort sich des Elderstabs bemächtigt. Hier gibt es keinen Parkplatz. Wir lassen das Auto auf dem nicht vorhandenen Seitenstreifen stehen, kämpfen uns durch Gestrüpp, waten durch Pfützen und Matsch an das Ufer des Loch Eilt. Das winzige Eiland ist nicht weit entfernt, im Sommer hätte man hinüberschwimmen können. Die hohen Kiefern knarzen, Moose und Ginsterbüsche bedecken die Insel. Der Himmel wird derweil dunkler. Der Wind frischt auf, wieder beginnt es zu regnen.
Drehorte haben eine ganz besondere Aura. Sie verzaubern auf zweierlei Weise. Meist sind sie an sich schon wunderschön. Doch die Geschichten, die wir durch Filme mit ihnen verbinden, schaffen eine emotionale Nähe zu ihnen. Wir fühlen uns an solchen Orten „ein bisschen wie in Hogwarts“. Empfinden Nähe zu fiktiven Charakteren, die uns in Gedanken schon unser ganzes Leben begleiten.
Ich inhaliere die frische, würzige Luft. Das Licht in Schottland ist anders. Konturen wirken schärfer, Farben kräftiger, Kontraste stärker. Zitternd vor Kälte vergrabe ich meinen steifen Finger unter Yanniks Jacke. Jetzt, in diesem Moment, ist alles wie es sein soll.
Noch mehr Roadtrips!
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