Der Arctic Circle Trail - 11 Tage zu Fuß durch Grönlands Tundra
Teil 4: Von Nordlichtern, Schnaps und Happy End
Lake House - Nerumaq - Tulleq Nord - Wild Camp - Sisimiut
(ca. 52 Kilometer / 4 Tage)
Das Haus am See
Der nächste Morgen graut feucht und windig. Nur zehn Kilometer sind heute zu bewältigen. Wir kuscheln uns in unseren Schlafsäcken aneinander, genießen still die Wärme des anderen. Beim Trekking bleibt kaum einmal Zeit für Zärtlichkeiten und Zweisamkeit. Immer gibt es ein Problem zu bewältigen, man ist mit sich beschäftigt und schlichtweg zu erschöpft. Am liebsten wären wir liegen geblieben. Doch der Rest-Day ist erst für den kommenden Tag geplant. Am Lake House. Alle reden seit Tagen von nichts anderem als von der schönsten Hütte am ACT. Wir winken Alfredo, Giovanni und Tim zu. Wollen heute allein gehen. Die knapp 20 Kilometer vom Vortag stecken mir ganz schön in den Knochen. Ich sehne den Pausentag herbei und nehme mir fest vor, mich dann auch einmal ordentlich im See zu waschen. Davor hatte ich mich wegen des eiskalten Wassers bisher immer gescheut.
Der Pfad führt uns oberhalb eines riesigen Sees entlang. Immer wieder müssen wir über kleine Bächlein und Wasserfälle steigen. Und dann – zum ersten Mal seit unserer Ankunft in Grönland – klart der Himmel auf, bis keine einzige Wolke mehr zu sehen ist. Immer wieder bleiben wir stehen, genießen die Wärme auf der Haut, blinzeln ins helle Sonnenlicht. Streicheleinheiten der Natur. Um uns herum erstrahlt alles in neuem Glanz. Die Gräser, Flechten und Moose leuchten in warmem Herbstbunt, Bächlein glitzern wie Lametta an den Hängen, die steil ins tiefe Aquamarin der Seen abfallen. Als wir am Nachmittag wieder einmal durch sumpfige Wiesen stapfen, wird es so warm, dass wir im T-Shirt laufen. Meine dicke Wanderhose reibt unangenehm auf der schwitzenden Haut. Die nassen Füße kochen in den dicken Wanderschuhen. Obwohl diese Etappe kurz und vermeintlich einfach ist, verlangt sie mir alles ab. Die intensive Sonne, so sehr ich mich zuvor noch über sie gefreut habe, tut ihr Übriges.
Am Lake House erwarten uns unerwartet viele Wanderer. Fünf Zelte stehen bereits auf den wenigen ebenerdigen Stellen am grasbewachsenen Seeufer. Auch in der rot gestrichenen Holzhütte, die auf Stelzen im seichten Wasser des Sees errichtet ist, scheint einiges los zu sein. „Wo kommen die denn alle her?“, fragt Yannik enttäuscht. „Vermutlich sind die in Sisimiut losgelaufen.“ Bei den Zelten handelt es sich um eine Reisegruppe. Vier Frauen scharen sich wie die Hennen um ihren umherstolzierenden Guide.
Die Irritation über den Outdoor-Gockel ist schnell verflogen, denn die Abendsonne steht nun direkt über dem See, trocknet Zelt, Schuhe und Socken, und ich traue mich endlich zum Waschen ins kalte Nass – aber nur ganz, ganz kurz. Typisch, dass ausgerechnet in dem Moment, in dem ich die Unterhose herunterlasse, Tim in seiner grünen Speedo für ein weiteres Eisbad um die Ecke kommt. Aber nach der Nacht in Ikkattooq – mit fünf schnarchenden, halbnackten Männern in der winzigen Hütte – stört es mich kaum noch. Auf einem Trail ist weder Platz für Peinlichkeiten noch für Schamgefühl. Wir sind hier alle gleich. Also bespritze ich mich seelenruhig weiter mit Wasser.
Die Nacht wird eisig kalt. Zum ersten Mal fröstle ich ein bisschen in meinem Daunenschlafsack. Am nächsten Morgen warten wir, bis die Reisegruppe abgezogen ist. Erst dann kriechen wir aus dem Zelt, auf dessen Oberfläche sich Eiskristalle gebildet haben. Auch die grasige Uferlandschaft ist von weißem Raureif überzogen. Ich setze mich auf meinen blauen Müllsack vor den Zelteingang. Atme tief ein. Die Luft ist so kalt und rein, dass sie in den Lungen brennt, mich fast schwindeln lässt. Bis auf das leise Plätschern der Wellen am Ufer und das Rauschen des Flusses, der sich aus dem See ergießt, ist es still. Die Sonne beginnt bereits, sich durch die weißen Wolken zu drücken, lässt das knallige Rot der Hütte in perfektem Kontrast zum dunklen Blau des Sees und dem sanften Grün der hügeligen Ufer erstrahlen. Während Yannik Wasser am Fluss holt, zücke ich mein Notizbuch. Endlich Zeit zum Durchatmen, zum Schreiben, zum Begreifen.
Polarlichter statt Eisbär
Trotz ihrer Mühen schafft es die Sonne heute nicht, die Luft zu erwärmen. Immer wieder lassen kalte Windböen uns frösteln. Ich sehne mich nach Wärme. Ein heißes Bad, ein warmes Bett. Ins Zelt zieht es mich nicht, ebenso wenig in die Hütte. Ich möchte, muss die Natur genießen. Die Stille. Die Luft. Es ist das, wonach ich mich seit Monaten gesehnt habe. Und doch … und doch vermisse ich – nun, wo ich in diesem Paradies bin – das Alltägliche. Die Annehmlichkeiten unseres Lebens zu Hause. Ich frage mich, ob das falsch ist. Bin ich nicht zufriedenzustellen? Will ich immer das, was ich nicht haben kann? Typisch Mensch. Doch darf ich mich nicht nach einer Dusche sehnen, wenn meine Haare vor Fett stehen? Nach Pizza und Pommes, wenn mir die verdammten Nudeln zum Halse heraushängen? Heißt das, dass ich diesen Moment im Gras am Seeufer in Grönland nicht genieße, nicht schätze? Ich merke, dass ich weine. Nicht aus Heimweh. Sondern aus Dankbarkeit. So hart es auch ist, so sehr ich fluche und schimpfe, ich genieße jede Minute hier draußen. Das wird mir klar. Und ich schätze das, was ich zu Hause habe, vor dem ich vor einer Woche noch geflohen bin. Danke, Grönland.
Mitten in der Nacht – es ist eiskalt, sodass nur meine Nasenspitze aus dem Schlafsack herauslinst – schrecke ich plötzlich auf. Irgendetwas Großes streift um das Zelt. „Ein Eisbär!“ Panisch reiße ich an dem Reißverschluss, um aus dem Schlafsack zu kommen. „Yannik, Yannik!“ Ich versuche, nach ihm zu treten, sodass er endlich aufwacht, und stelle fest – sein Schlafsack ist leer! Dann höre ich von draußen seine amüsierte Stimme: „Ja, ich bin’s doch nur, komm raus, hier sind Nordlichter!“ Endlich schaffe ich es, mich aus dem Schlafsack zu befreien, und stolpere bibbernd nach draußen. Adrenalin schießt durch meinen Körper, meine ersten Nordlichter! Ich blicke nach oben – und – bin erst mal enttäuscht. Kein grün-violettes Farbenspiel, keine tanzenden Schleier aus Licht. Ein paar blassgrüne Schlieren, sonst nichts. „Das sollen Nordlichter sein?“, frage ich den völlig faszinierten Yannik. „Ja, ist mega, oder? Ich bin schon seit zwei Stunden hier draußen!“ Ich möchte eigentlich direkt zurück in den Schlafsack. Doch ich bleibe. Erinnere mich daran, was ich hier sehe, was die grünen Schlieren am Himmel bedeuten.
Sonnenstürme – heftige Eruptionen auf der Sonnenoberfläche – schleudern elektrisch geladene Teilchen in Richtung Erde. Doch unser Planet schützt uns mit seinem Magnetfeld. Die Ladungen werden zu den Polen hin abgelenkt. Da das Magnetfeld dort am schwächsten ist, bringen die Sonnenwinde die Luftmoleküle zum Leuchten. Sauerstoff sendet grünes und rotes Licht, Stickstoff violettes. Je nach Stärke der Sonnenaktivität sehen wir Polarlichter besser oder schlechter. Was sich vor meinen Augen am Himmel abspielt, ist Mutter Erde in Action. Sie schützt uns Schäfchen vor eindringenden Geschossen. Wie angewiesen wir doch auf ihren Schutz sind.
Perfekter Tag
Mutter Natur meint es auch am folgenden Tag gut mit uns. Als wir aus dem Zelt kriechen, strahlt uns die Sonne bereits entgegen. Noch einmal saugen wir das idyllische Panorama des tiefblauen Sees mit der roten Hütte davor in uns auf. Dann schultern wir die Rucksäcke und latschen in unseren Sandalen mit hochgekrempelten Hosen zum Fluss, den es gleich mal zu furten gilt. Mir reicht das eisige Wasser dann doch wieder bis über die Knie. Aber ich bleibe ruhig. Tim hatte mir eingebläut, immer ganz tief zu atmen und vor allem auszuatmen. Leichter gesagt als getan. Doch ich schaffe es prustend und schnaufend, aber ohne Tränen, ohne Drama ans andere Ufer. Inzwischen haben es auch die drei Tschechen aus ihren Zelten geschafft, die am späten Abend noch angekommen waren. Wir winken uns fröhlich zu. Vater Marek ist bereits zum zweiten Mal hier und ist völlig aus dem Häuschen vor lauter Sonnenschein. Sohn Šimon ist weniger begeistert, konnte wohl aber nicht „nein“ zu Papa sagen, hat dafür aber seinen enthusiastischen, ganz in Orange gewandeten Kumpel Andrei mitgebracht. Die drei sollten bis zu unserem letzten Tag in Grönland, zwei Wochen später, unsere Weggefährten bleiben.
Die folgenden 15 Kilometer genießen wir in vollen Zügen. Nichts kann unsere Laune trüben. Die Sonne scheint übermotiviert, ein leiser Wind weht. Vom Ufer des Sees führt der Pfad uns nach oben hinauf auf eine kleine Hügelkette. Hinter uns das glitzernde Blau, vor uns eine weite Ebene. Wie schillernde Bänder aus Silber mäandern schmale Flüsse durch das Gelb und Grün des Tundrabodens. Wir genießen es, endlich einmal festen und trockenen Untergrund unter den Füßen zu haben, machen häufig Pausen, um Sonne, Stille und Aussicht zu genießen.
An einen Stein gelehnt, blicken wir stumm hinunter in die Weite. Keine Menschenseele ist zu sehen. Der kühle Wind rauscht uns durch die Haare. Doch die Sonne ist kräftig genug, um uns auch beim Stillsitzen zu wärmen. Eine leise Wehmut macht sich breit. In vier Tagen werden wir bereits wieder in der Zivilisation sein. Was mir vorgestern nicht schnell genug gehen konnte, fürchte ich heute. Der Gedanke an das Gewühl und die Lautstärke einer Stadt lässt meine Kehle eng werden. Hier draußen zu sein bedeutet Freiheit. Warum nicht einfach weiterlaufen?
„Psst, da ist ein Rentier!“, höre ich Yannik noch sagen, bevor ich von hinten in seinen Rucksack hineinlaufe und ein paar Schritte zurücktaumle. Stolpernd versuche ich, mein Gleichgewicht wiederzufinden. „Da auf dem Felsen.“ Endlich entdecke ich den Prachtkerl. Mit ihrem graubraunen Fell sind die Rentiere in dieser Umgebung nahezu unsichtbar. Zur vollen Größe aufgerichtet blickt uns das Tier aufmerksam an. Ein prächtiges Geweih zwischen den gespitzen Ohren. Wir sind vielleicht 300 Meter voneinander entfernt.
Vorsichtig lässt Yannik den Rucksack von seinen Schultern gleiten und kriecht mit der Kamera in der Hand durch die hier kniehohen Büsche auf ihn zu. Das Rentier macht keinerlei Anstalten, sich vom Fleck zu bewegen, sondern beginnt sogar wieder zu grasen. Wir kauern im Gebüsch und blicken zu ihm hinauf. Immer wieder schaut er uns mit seinen dunklen Augen direkt an. Als er irgendwann ein genervtes Schnauben von sich gibt, nehmen wir das als Zeichen, dass das Fotoshooting beendet ist, und treten den Rückzug an. Beseelt kommen wir an diesem Abend an Nerumaq an. Die kleine Hütte liegt in einer Art Canyon. Am nächsten Morgen wird wieder ein Fluss zu furten sein – diesmal tiefer, mit mehr Strömung – um den Trail fortzusetzen.
ACT versus ATV?
Es ist die drittletzte Laufetappe, nur noch 40 Kilometer bis Sisimiut. Erste Ausläufer der Zivilisation sind bereits hier sichtbar. Um den Tourismus anzukurbeln, hatte die grönländische Regierung in diesem Jahr (2025) einen ATV-Track parallel zum Arctic Circle Trail anlegen lassen. Zwar war uns noch keines dieser Gefährte begegnet, doch klaffen ihre Spuren wie tiefe, schlammige Narben im empfindlichen Tundraboden.
Später in Sisimiut sprechen wir mit Johann, dem Erfinder und Erstbegeher des Arctic Circle Trails. Er ist mittlerweile 80 Jahre alt und betreibt am Rande der Stadt einen kleinen Laden, in dem er unter anderem seine Bücher und die offiziellen Arctic-Circle-Trail-Aufnäher vertreibt. Die Idee zum ACT sei ihm auf dem schwedischen Kungsleden-Trail gekommen. „So etwas brauchen wir auch. Die Menschen sollen kommen und unsere Natur erleben“, habe er damals gedacht. Wir fragen ihn, was er von der zunehmenden Popularität des Trails hält. „Das ist gut“, erklärt er. „Grönland kann noch mehr Wandertouristen gebrauchen. Wenn sie sich auskennen. Das ist guter Tourismus. Den brauchen wir.“ Zu dem ATV-Track, der seit 2025 entlang der letzten Etappen des Trails verläuft, schüttelt er nur den Kopf. „Das macht alles kaputt. Alles, was motorisiert ist, ist schlecht für die Natur. Aber ich bin jetzt alt. Ich habe nichts mehr zu sagen. Die Jungen sind jetzt dran.“
Wir können seinen Eindruck bestätigen. Die Spuren der Fahrzeuge finden sich nicht nur auf dem mit gelben Pfosten markierten Track, sondern pflügen sich durch die gesamte Landschaft, teilweise auch über den ACT, sodass er an manchen Stellen kaum mehr zu erkennen ist. Der Tourismus in Grönland ist nach dem Fischfang die größte Einnahmequelle der Bewohner. Sein Ausbau kann auch dem Schutz der Natur vor anderweitiger wirtschaftlicher Ausbeutung dienlich sein. Doch hier ist dieses Konzept nicht aufgegangen.
Auch wenn dieser Teil des Trails vermeintlich einfach daherkommt, kostet er doch ganz schön Kraft. Zwei weitere Flüsse sind zu durchqueren, und ganze drei Kilometer kämpfen wir uns durch Sumpfgebiet, bis wir endlich die Hütte erreichen. Dabei riechen wir unser Ziel diesmal, bevor wir es sehen. Mit jedem Schritt wird die Luft rauer und salziger. Das Meer ist nicht mehr weit. Die letzte Hütte des ACT schmückt eine Klippe direkt an einem windgepeitschten Fjord.
Durchzechte Nacht am Fjord
Rooibos-Tee dampft bereits aus unseren Tassen. Socken und Hosen hängen an Wäscheleinen an der Decke zum Trocknen, unsere Schlafsäcke und Matten sind auf der hölzernen, etwa zwei Meter breiten Pritsche, die einmal quer durch die Hütte verläuft, ausgerollt. Wir sitzen an dem kleinen, von Brandmalen und anderen Flecken überzogenen Tisch, inmitten einer hitzigen Partie Stadt, Land, Fluss, als wir draußen Stimmen und das unverkennbare Poltern von Wanderstiefeln auf Holz vernehmen. „Ach, die Tschechen kommen!“, sagt Yannik, gerade als die Tür aufgeht und Andrei und Šimon den Kopf hereinstecken. „Sollte genug Platz hier drin sein, für uns vier“, meint Andrei und deutet auf die hölzerne Pritsche. „Mein Vater will draußen schlafen. Er liebt es zu zelten.“ Šimon rollt mit den Augen, lässt seinen Rucksack auf den Boden plumpsen und rollt seine Matte neben unseren auf dem einfachen Holzbrett aus.
Vater Marek baut draußen sein Zelt auf, kommt dann aber herein, um mit uns zu essen. Marek erzählt, dass er vor einigen Jahren mit seiner Frau den Trail schon einmal gegangen sei. Allerdings ausschließlich im Regen und Nebel. „Wir haben nichts gesehen damals. Ich musste einfach zurückkommen, allerdings konnte ich meine Frau nicht noch einmal davon überzeugen.“ Šimon erzählt uns später, dass er wohl eher nicht zugesagt hätte, mitzukommen, wenn er geahnt hätte, dass sein Vater die Sache wirklich erneut durchziehen wolle. Er sei froh, wenn der Trail zu Ende ist. Andrei hingegen, den Vater und Sohn liebevoll als „Orange-Express“ bezeichnen, wegen seiner ganz in Orange gehaltenen Ausrüstung, ist hellauf begeistert von dem Trail. Überhaupt wirkt er fröhlich und leicht zu begeistern. Er ist der Typ Mensch, den man einfach gern haben muss. Ein bisschen wie Marshall Erikson aus der TV-Serie „How I Met Your Mother“ – ja, wir sind Millennials durch und durch.
Nach dem Essen wollen die Jungs Karten spielen. Etwas widerwillig stimme ich zu. Meine Spielfreude hebt sich eindeutig dadurch, dass Marek Schokolade und einen silbernen Flachmann mit einem ganz hervorragenden Selbstgebrannten herumreicht. „Magst du Schnaps?“, fragt er lächelnd. „Alle Deutschen mögen Schnaps“, erwidere ich trocken. „Nicht so sehr wie wir Tschechen!“ Es folgt eine kurze Diskussion, welches Land den besten Alkohol hervorbringt. Wir einigen uns auf Tschechien. Jeder nimmt noch einen kräftigen Schluck aus dem Flachmann, dann werden die Karten verteilt. Andrei nennt uns den unaussprechlichen tschechischen Namen des Spiels – den wir doch bitte in Deutschland verbreiten sollen (sorry, Andrei) – und erklärt:
Das Spiel gehe ein bisschen wie Uno, nur dass man es mit normalen Spielkarten und vielen Sonderregeln spiele. Schon nach der dritten Regel raucht mir der Schädel. Ich beschließe, meine übliche Strategie anzuwenden bei Spielen, die ich nicht verstehe: möglichst angestrengt gucken und das machen, was die anderen machen. Natürlich liege ich nach der ersten Runde hinten. Aber das macht nichts. Wir lachen laut und viel, reden über das Wandern, philosophieren über das Leben, verbessern die Politik unserer Heimatländer, und die Zeit fliegt nur so dahin. Ich wünsche mir, dieser Abend voller Unbeschwertheit, Heiterkeit und Verbundenheit würde niemals enden. Währenddessen färbt sich der Himmel vor dem Hüttenfenster samtig blau, die ersten Sterne beginnen am Firmament zu funkeln – die Boten eines neuen Tages über Grönland.
Abschied
Keiner möchte am nächsten Morgen so wirklich aufstehen. Wie die Sardinen in der Büchse liegen Andrei, Yannik, Šimon und ich eng aufgereiht in unseren Schlafsäcken. Beim Frühstück breiten wir unsere Wanderkarten auf dem kleinen Tischchen aus und beratschlagen über die nächste Etappe. 18 bis 20 Kilometer wollen wir schaffen und uns dann einen Zeltplatz vor Sisimiut suchen. Unsere Hotelreservierungen beginnen erst in zwei Tagen. Wir waren schneller als gedacht. In einer seltsam gedrückten Stimmung brechen wir auf. Marek und Co. sind noch nicht fertig. Sie sollten wir später wieder treffen. Die ersten acht Kilometer geht es steil bergauf, immer am Fjord entlang. Die Sonne meint es wieder besonders gut mit uns, kein Lüftchen geht. Kleine bunte Wochenendhütten auf der gegenüberliegenden Uferseite spiegeln sich auf der glatten Wasseroberfläche. Wie Konfetti auf einem Spiegel.
Schnaufend erreichen wir den höchsten Punkt der Etappe. In der Ferne lässt sich bereits Sisimiut erahnen. Ein Quad pflügt brüllend vorbei. Der menschliche Einfluss auf die Natur ist hier unübersehbar. Durch den Bau der Straße wurden Wiesen, Sümpfe und Tundraboden entwässert. Tiefe Furchen von Baggern und anderen Gerätschaften ziehen sich durch die Landschaft. Moose, Flechten, Beeren, Pilze und Sträucher, die zuvor noch in den schönsten Farben leuchteten, sind hier braun-grau, des Lebens beraubt. Es ist ein trauriger Anblick. Immer häufiger finden wir Plastikmüll am Straßenrand. Die Abgaswolke des Quads brennt in unseren Nasen. Die Unbeschwertheit des gestrigen Abends, das so hart erarbeitete Gefühl, endlich angekommen zu sein, im Einklang mit Natur und Umwelt zu sein, vergeht schlagartig. Die Suche nach sauberen Wasserquellen wird schwieriger, während wir die letzten zehn Tage gedankenlos aus allen Seen, Flüssen und Bächen trinken konnten. Die sogenannte Zivilisation rückt unverkennbar näher.
Von der Straße, die der ATV-Track mittlerweile ist, genervt biegen wir gegen Abend kurzerhand auf einen Pfad ins Grüne ab, der von Tagestouristen und Einheimischen als Wander- und Sportgebiet genutzt wird. Zum Glück sind wir spät und begegnen nur wenigen. Und dann schlagen wir zum letzten Mal unser Zelt auf. Trotz der Nähe zu Sisimiut und obwohl wir die Zivilisation bereits riechen können, ist es, als würden wir im Auenland kampieren. Saftiges Grün unter unseren Füßen, sanfte Hügelketten umgeben uns, ein klarer Bach plätschert an unserem Zelt vorbei. Wir sitzen in den letzten wärmenden Strahlen der Abendsonne im Zelteingang.
Ich merke, dass ich glücklich bin. Mit mir im Reinen, wie man so schön sagt. Habe das Gefühl, etwas begriffen zu haben. Eine Gewissheit darüber, was mir wichtig ist. Was ich will und was ich nicht will. Der Trail hat mich stärker gemacht, mich verändert. Ich bete darum, mir dieses Gefühl erhalten zu können. Wir sprechen nicht viel. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Saugt diesen letzten Abend in Grönlands Wildnis in sich auf. Und doch sind wir uns nah. In dieser Nacht schenkt uns Mutter Natur noch einmal das Polarlicht. Grün, rot und violett tanzen Schleier aus Licht direkt über unseren Köpfen. Dazwischen funkeln Sterne, und das milchige Band unserer Galaxie wabert über den Nachthimmel.
Epilog
Nun sind wir wieder am Anfang der Geschichte. In unserem warmen Hotelzimmer in Sisimiut blicke ich zum geöffneten Fenster hinaus aufs Meer. Unten am Hafen werden Fischkutter ausgeladen. Abgasschwangere Luft, der Lärm einer Stadt dringt herein. Ich fühle mich müde und zugleich voller Energie. Voller Gewissheit und doch ratlos. Es wird dauern, das Erlebte zu verarbeiten. Es wird dauern, wieder im „normalen“ Leben anzukommen. Es wird sich zeigen, ob ich das überhaupt möchten.
Am Abend machen wir einen ersten Spaziergang durch Sisimiut und treffen Marek, Šimon und Andrei wieder. Sie wirken müde, leicht überfordert. Wir stehen uns etwas verlegen gegenüber. In zwei Tagen werden wir gemeinsam mit der Fähre nach Ilulissat fahren. Marek plant bereits, mit seiner Frau ein drittes Mal hierherzukommen. Andrei will mehr weitwandern. Šimon freut sich einfach auf zu Hause. In jedem von uns haben die letzten Wochen, hat der Arctic Circle Trail etwas bewegt. Die Erfahrungen, die Erlebnisse in der grönländischen Tundra werden in jedem von uns noch lange nachhallen. In den einen größere Wellen schlagen, in den anderen kleinere.
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Hallo Caro, einfach nur Wahnsinn was ihr da erlebt habt. Ich hätte stundenlang weiterlesen können. Ich freue mich schon auf euer nächstes Abenteuer. Liebe Grüße aus dem Dorf, Karin 😀
Hi Karin,
danke für deinen Kommentar. Die nächste Reise ist schon geplant, wohin es geht verraten wir noch nicht ;). Bis bald und liebe Grüße ins Dorf, Caro & Yannik